1.6.2018 Ein Ankertag aus purer Frustration

Ich bin heute Morgen von meinem Ankerplatz direkt vor dem Hafen von Barbate aus Frustration nicht in Richtung Cadiz abgefahren. Das Warum beantwortet die folgende Beschreibung des Vortags.

Ich machte in La Linea nicht ganz so früh wie sonst die Leinen los, sollte es doch bis Barbate nur lockere 67 Kilometer (37 NM für die Nautiker) werden, eine Sache von 7 Stunden. Da der Tag lang ist reichte eine Abfahrt um etwa 10 Uhr. Die wunderbaren 6 Tage in der Bucht von Gibraltar waren zu Ende, es mussten noch die Liegetage bezahlt und der Dieseltank wieder gefüllt werden. Dann ging es über die Bucht quer durch den Park der ankernden Großschiffe an das westliche Ende der Bucht. Es herrschte guter Segelwind und ich setzte das Vollzeug (Großsegel und Genua). Zwei andere Segler mit gleichem Ziel machten es mir, dem Anfänger, nach. Welche Ehre! Bei der Einfahrt in die Meerenge stand uns allen dreien der Wind ins Gesicht. Ich nahm alles wieder herunter und nahm den Motor als einzige Vortriebsquelle. Beide anderen Segler ließen das Großsegel stehen und ich zog ihnen davon. Warum? Weil das flatternde Segel einen beträchtlichen Widerstand bei bis zu 26 Knoten Gegenwind produziert. Was jetzt einsetzte und bis kurz vor den Schluss der Fahrt anhalten sollte, war der Grund meiner Frustration.

An diesem Leuchtturm endet Europa im Süden
… den ich mir etwas genauer aus der Nähe anscheuen mußte. Rechts davon Tarifa, der Hafen am anderen Ende der Meeresenge zwischen Mittelmeer und Atlantik.

Ich hatte mit Jörg noch am Tag vorher über die Strömungen in der Straße von Gibraltar gesprochen. Er gab mir dabei einen guten Rat, nämlich das Leg kürzer anzusetzen, z.B. bis Tarifa, dem westlichen Ende, nur etwa 15 km von Gibraltar entfernt. Er machte mir den Grund mit der Erläuterung der Strömungsverhältnisse in der Wasserstraße klar. Die nachfließende Verdunstung im Mittelmeer und die nach Westen zunehmende Tide. Die Wirkung der Verdunstung wirkt sich eher in größeren Tiefen aus und hat nur wenig Einfluss auf die Fahrtplanung. Nach Osten profitiert man davon, nach Westen muss man das ertragen. Die Tide erfolgt bekanntlich in etwa 6-stündigen Zyklen und hat, je nach Tageslage, vorteilhafte oder nachteilige Wirkung auf den Segler. Das habe ich verstanden, aber mir daraus meine eigene Sicht der Abläufe gebastelt, die natürlich nicht funktionieren konnte. Ich brauchte den Tag mit einer Auszeit, um zu verstehen, warum meine Vorstellungen, die m.E. auf grundlegenden physikalischen Grundlagen basieren, nicht richtig waren. Ein Gespräch mit Jörg heute Morgen, in welchem er mir meine Annahmen sozusagen zerpflückte, machte mir das klar.

Was hatte ich erlebt während dieser Fahrt? In der Straße von Gibraltar nahm mit zunehmender Fahrt nach Westen meine Fahrt unter Motor auf unter 2 Knoten (3,7 km/h) ab. O.K., dachte ich und nahm an, dass ich auch im Schneckentempo irgendwann in Tarifa ankommen und dahinter, nach dem Abbiegen nach Nordwesten, wieder schneller werde, da dann der angesagte Wind mich unterstützen würde, ich wieder Segel setzen könnte und die Gegenströmung abnehmen würde. Die mich verfolgenden Kameraden habe ich nicht mehr gesehen, wahrscheinlich sind beide umgekehrt und hatten einen ungeheuren Spaß am Fahren mit Rückenwind und -strömung zurück nach Gibraltar. Ich bolzte mich also um die Ecke, um dann festzustellen, dass der Wind seine Einstellung zu meinen Vorhaben immer noch nicht geändert hat: Er drehte genau hier auch auf Nord-West und wurde dabei richtig stark. Die Bolzerei war erst nach einigen Stunden beendet, als die Tide wieder zunahm, der Wind auf ein laues Lüftchen abnahm und der Zielhafen in Sicht kam. Als wenn nicht geschehen war, lief ich nach etwa 10 Stunden Fahrt den Hafen von Barbate mit nominaler Geschwindigkeit unter Motor an. Auf meine drei Versuche, über Funk meine Ankunft anzumelden und um einen Liegeplatz für die Nacht zu bitten, schlugen fehl. Keine Antwort auf Kanal 9. Da wollte mehr oder weniger der Zufall, dass ich den Strand und eine Ecke davon in der Windabdeckung durch die Hafenmole sah, wo das Wasser wie ein Kinderpopo glänzte. Dieser Ankerplatz hat das gehalten, was er optisch versprach. Es war eine Nacht wie an einem Steg im Hafen. Nur die ab und zu durchfahrenden Fischerboote ließen die Odd@Sea ein wenig schaukeln. Das hilft beim Schlafen! Ich hatte an diesem Tag mit der sagenhaften Durchschnittsgeschwindigkeit von 3,6 Knoten die Straße von Gibraltar unter Nutzung aller mir zuvor bekannten nautischen Tricks passiert.

Ergo: So etwas hatte ich in dieser Ausprägung noch nicht erlebt in meiner Laufbahn als Skipper. Ich habe dabei viel über die Tide und deren Strömungen gelernt. Ich danke Dir, lieber Jörg, dass Du geduldig meine Bockigkeit in Bezug auf die Wirkungen des Phänomens ertragen hast. Ich lerne am besten durch „trial and error“ aber dann auch nachhaltig. Auch wenn ich das Grundprinzip irgendwann einmal im SKS-Kurs gelernt hatte, war die Überlagerung der Tide mit der Strömung von Gibraltar für mich überfordernd. Asche auf mein Haupt.

Ich werde morgen sehr früh aufbrechen, die einsetzende Ebbe zur Unterstützung bei der Ausfahrt und die Flut am Nachmittag zum Einlaufen in Cadiz nutzen. Das wird dann hoffentlich ohne weitere Frustration funktionieren. Ich werde berichten.

Abschließend möchte ich einige der im letzten Beitrag als verloren gegangen erwähnte Bilder noch nachreichen. Einer der Affen war doch noch zu rekonstruieren.

Erst kann er es garnicht glauben, dass an diesem Tag noch ein „Kunde“ auftreten würde und blickt deshalb etwas ungläubig
… doch nein, er hat bereits etwas zum kauen von einem anderen Kunden ergattert.
Hier noch ein Blick von der Seilbahnstation auf den (fast leeren) Industriehafen und den völlig überfüllten Sportboothafen von Gibraltar. Die vielen wartenden Schiffe stehen also eher zur Anlandung in Algericas, gegenüber auf der spanischen Seite, an
Auch im südlichen Hafenteil ist kaum etwas los. Im Hintergrund die Berge von Marokko.

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