10.2.2018 Die Odd@Sea und ich haben einen veritablen Sturm auszustehen

Es war bereits klar, dass die Kreuzung des Golf von Taranto und das Anfahren von Crotone ein wesentlicher Schritt zum Erreichen der Straße von Messina sein werden, aber dort wegen eines aufkommenden Sturms zunächst einmal Schluss sein wird. So ist es denn auch. Nach einer in christlicher Liegeweise im Yachthafen von Crotone relativ gut verbrachten Sturmnacht, schlage ich jetzt den Tag mit Schlafen und Schreiben tot beim Warten auf abnehmenden Wind. Um 14:00 Uhr sollte ein flaches Maximum des Sturms erreicht sein und normale Windverhältnisse erst wieder nach Mitternacht. Also werde ich das Schiff bis morgen früh nicht verlassen, denn dessen Mobilität vor dem Steg bei Wind und Welle ist beachtlich. Die ständige Geräuschkulisse habe ich jedenfalls langsam satt. So werde ich mich auch nicht, wie vereinbart, beim Hafenmeister heute anmelden und hoffe auf sein Verständnis. Mal schauen.

Die 133 km lange Überfahrt begann um etwa 5:00 Uhr morgens, mein Wecker klingelte bereits um 4:00 Uhr, also lange vor Sonnenaufgang. Wenn nicht die Fischerboote um mich herum zur selben Zeit zur Ausfahrt klargemacht worden wären, hätte ich nur meine Decksleuchte in dem ansonsten unbeleuchteten Fischereihafen von Leuca gehabt. Die Fischer veranstalten stets eine ausgesprochene Lichtschau mit bordeigener Energie, die sie dann auch zum Fischen einsetzen. Dennoch dauerte es länger als geplant, meine während der Liegezeit immer zahlreicher gewordenen Leinen einzuholen und zu verstauen. So eine Ausfahrt im Stockdunklen ist stets atemberaubend und die Fahrt in die aufgehende Sonne ebenfalls. Leider war der Rückenwind einmal mehr viel zu schwach, um segelnder Weise zum Ziel zu gelangen, aber als effektive Unterstützung für den Motor reichte er aus. So war es bis zur Ankunft in Crotone. Während bei der Überfahrt nach Italien stets eine der Küsten sichtbar blieb, so war es hier für einige Stunden nicht der Fall. Die Welle war mir einigermaßen gnädig und es war wieder einmal eher eine Genussfahrt.

Ein Marinero stand an der Pier, als ich in den Hafen von Crotone einfuhr und mein Schiff zum Anlegen klar machte. Er winkte mich zu sich und erklärte mir, dass ich wegen des zu erwartenden Sturms in einer der Vereinssteganlagen mit dem Heck zur Pier anlegen sollte. Dieser Aufforderung folgte ich gerne, denn es war jemand auf dem Steg, der mir die Heckleinen abnehmen würde. Meine Idee, das Schlauchboot auch hier als Schwimmsteg zu nutzen, ich habe darüber berichtet, war hier leider nicht so richtig erfolgreich. Nicht wegen des Prinzips, sondern wegen der Tatsache, dass die Schwimmer der Bootsstege aus scharfkantigen Stahlkästen bestanden. So führte denn auch die erste Berührung der „Annalena“ mit dem Steg zugleich zu deren Ausfall, denn der betroffene Schlauch erhielt eine Punktierung, die zum Ausströmen der Luft führte. Nun ich muss die Annalena erst einmal reparieren. Eine Holzbohle, die mir zur Verfügung gestellt wurde, übernahm dann deren Dienst.

Zur Behebung eines weiteren technischen Problems werde ich morgen hier im Hafen nach einem Fachmann suchen. Ich berichtete über den Tauchereinsatz in Lefkas, der zur Befreiung des Propellers und dessen Welle von einer meiner Bugleinen nötig wurde. Als der Motor abgewürgt wurde und ich mit einiger Fahrt mich dem Steg und einer anderen Yacht näherte, habe ich natürlich zunächst eine Versuch unternommen, den Motor wieder anzulassen. Da dieser zwar sofort ansprang, aber beim Einlegen des Gangs sofort wieder blockierte, kümmerte ich mich erst einmal um Hilfe. Zu Abfahrt nach dem Tauchereinsatz hatte ich bereits Probleme mit dem ganz normalen Anlassen des Volvo. Der Anlasser gab schlicht keinen Mucks von sich. Nach etlichen Versuchen sprang dann der Motor wie gewohnt bei der ersten Umdrehung an. Damit wäre für mich das Problem gelöst gewesen, wenn es nicht seitdem in gleicher Weise ständig auftreten würde. Die Vorstellung, dass ich nach einer Fahrt unter Segeln den Motor für das Hafenmanöver nicht mehr anlassen kann, wäre natürlich sehr beängstigend. Also brauche ich Hilfe von einem Fachmann.

Auch in Crotone konnte ich wieder eine seltene Bekanntschaft machen, denn Grönländer trifft man nicht sehr oft. Nach einem kurzen Gespräch musste er sich aber leider wieder seinen Gästen auf seinem Schiff widmen.

Nun sitze ich hier in meiner Blechbüchse und warte auf abflauenden Wind, der sich allerdings seine Zeit lässt, schreibe den Blogbeitrag, werde stetig hin und her geworfen und lausche dem Sturmwind, der immer neue Formen des Ausdrucks findet und noch keine Anzeichen zur Aufgabe zeigt. Neu hingegen für mich ist ein Phänomen, welches wirklich beunruhigend sein kann, wenn man es nicht schon für Stunden ohne weitere Konsequenzen wahrgenommen hätte: Das Schiff beginnt bei hohen Windgeschwindigkeiten, die ein wenig seitlich und nicht von vorne kommen, gefühlt vertikal ziemlich heftig zu schwingen. Es fühlt sich an wie das Fahren über Kopfsteinpflaster. Ich führe dieses auf eine aeroelastische Reaktion des gesamten Riggs, auch stehendes Gut genannt, zurück. Bei einem Flugzeug bezeichnet man derartiges als Flügelflattern. Hier wird es, so glaube ich, durch die Schräganblasung des profilierten Mastes erzeugt, die zu seiner Biegeverformung und damit wahrscheinlich zunächst zum Ablösen der Strömung und daraufhin zum elastischen Zurückfedern führt. Proportional mit der Windgeschwindigkeit steigt wahrnehmbar die Flatterfrequenz. Bei Zurückschwojen in die Anströmung von vorne verschwindet das Phänomen wieder.

Morgen gibt es also einiges zu tun hier in Crotone und ich werde wohl, trotz angesagtem fahrbaren Wetters, noch zwei Tage hierbleiben und mich dem Schiff widmen. Am Montag hoffe ich dann auf die Unterstützung durch einen Motormechaniker.

2 Gedanken zu „10.2.2018 Die Odd@Sea und ich haben einen veritablen Sturm auszustehen“

  1. Mein lieber Bruder,
    schön zu hören, dass du in Italien angekommen bist. Ich bin total stolz auf dich und dein Abenteuer! Du kommst mir vor wie ein griechischer Argonaut mit wissenschaftlichem Hintergrund ala Humboldt. Daniel und ich lesen deine Beiträge immer mit großer Spannung und Daniel jiepert danach, mit zu segeln. Ich merke, wie viele Gefahren mit der Reise verbunden sind und bewundere deine Kraft und Ausdauer. Möge dir Poseidon weiterhin gewogen sein.
    Liebe Grüße
    Angela

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