11.11.2017 Eine neue nautische Erfahrung

Ich mußte leider meinen Liegeplatz am Ponton in Vidin bereits um 7:30 Uhr verlassen, da ein anderes Schiff früh angesagt war. Es herrschte Nebel mit Sichtweiten unter 50 m. Was tun? Dem Beamten war mein Problem egal, er verwies mich auf einen möglicherweise freien Platz an einem benachbarten Restaurantschiff. Dort war aber nichts frei und ich fuhr zunächst ratlos im Nebel im Hafenbereich. Dann kam mir die folgende Idee. Wenn das die Profis mit großen Schiffen schaffen, sicher die Donau im Nebel zu befahren, dann muß ich das mit meiner hervorragenden Ausrüstung auch können. Gedacht, getan. Mit alter Flugsimulatorerfahrung und großem Vertrauen auf die Elektronik ging es ohne Sicht auf den Fluß.
Es ist zunächst ein merkwürdiges Gefühl, dass man keine optische Orientierung hat, aber nach wie vor Beschleunigungen um alle drei Achsen spürt. Früher wurde mir dabei immer schlecht. Die Anspannung, aber auch die Neugier ließen jeden Gedanken daran schnell unbedeutend werden. Ich steuerte die Odd@Sea nur nach der Flußkarte des Navigators und fuhr sehr diszipliniert stets am rechten Rand der Fahrrinne. Die meisten Profis, und davon waren ausgerechnet heute relativ viele unterwegs, taten es genauso und die erste Begegnung mit einem Frachter, den ich bei der Passage überhaupt nicht gesehen habe, zeigte mir, dass ich gut durchkommen würde. Das wurde dann schnell zur Routine und irgendwie auch zu einem neuen Fahrgenuß. Da es langweilig wurde, am Steuerstand zu stehen, zu frieren und dennoch nichts zu sehen, überwachte ich das Schiff vom Navigator unter Deck aus und ging nur dann nach oben, wenn eine Steuereingabe in den Autopiloten notwendig wurde. Die Sicht wechselte im Laufe des Tages von dichtem Nebel über Dunst mit Sichtweiten von bis zu einem Kilometer und es gab auch eine Stunde der insgesamt siebenstündigen Fahrt, wo man den Flußverlauf sogar erahnen und eines der Ufer sehen konnte. Richtig klar wurde es heute aber nicht mehr. Es gab den ganzen Tag über keinen Wind, sodaß die Donau stets wie glatt gebügelt aussah und die Fahrt nicht durch Schaukelei beeinflußt wurde.

Manchmal konnte man das Ufer gerade einmal erahnen
… und manchmal sogar als solches erkennen (Wer mir einen Tip geben kann, wie ich den Fleck im Bild wegbekommen kann, melde sich bitte bei mir)

 

 

Zwei besondere und kritische Vorkommnisse möchte ich nicht verschweigen. Einmal kam mir ein Polizeiboot entgegen, welches ich sehr frühzeitig mit meinem AIS identifiziert und verfolgt habe, aber rechts von meiner Fahrrinnenseite. Das war höchst unprofessionell. Ich wechselte kurz zur anderen Seite, um eine klare Ansage zu machen, worauf dieses Schiff ebenfalls die Seite noch kurz vor meinem Bug wechselte. Offenichtlich hatte er geschlafen und entschuldigte sich bei dem kurzen Sichtkontakt dadurch, dass er sein Horn nutzte und seine Mannschaft an der Reeling aufstellen und grüßen ließ. Na ja, die Angelegenheit war somit erledigt.

Dass mir jedoch ein riesiges Kranschiff ohne AIS im dichten Nebel begegnete, war dann nicht mehr so spaßig. Er fuhr jedoch vorschriftsmäßig auf seiner Seite und war sehr langsam. Allerdings, als ich in kleinem Abstand passierte und etwas von ihm sehen konnte, erschreckten mich die Dimensionen dieses Monstrums sehr. Soetwas geht eigentlich überhaut nicht, ist auch nicht erlaubt.

Bei etwas besserer Sicht, der Raddampfer „Radetzky“ als Denkmal an den Befreiungskrieg gegen die Türken mit einem steinernen Mahnmal am Rande der Donau

Ansonsten waren große Schwärme von Zugvögeln unterwegs, die ganze Flußteile für eine Ruhepause in Beschlag nahmen. Das war jedes mal ein großartiges Naturschauspiel. Man konnte das Schwarmverhalten sehr gut studieren. Auch wenn man mit größerer Distanz vorbei fährt, werden diese Vögel erst dann kollektiv aufsteigen, wenn einer von ihnen damit beginnt. Das passiert i.d.R. dann, wenn der Störenfried bereits längst vorbei gefahren ist. Wie blöd ist das denn. Anschließend, nach einer Flugrunde, landen sie dann wieder an derselben Stelle, die offensichtlich etwas magisches für sie haben muß.

Schwer zu erkennen, aber hier machen Zugvögel in großer Zahl ihre Rast auf dem Wasser (Der Fleck ist hier leider besonders deutlich)

Auch eine Taube, die sich wohl beim Überfliegen dieses riesigen Flusses verirrt hatte, besuchte mich an Bord und machte eine Ruhepause, bis sie wieder weiter flog. Das Foto zeigt diese Situation.

Hoffentlich überstehst Du den Überflug der Donau. Die Sonne schien nur für etwa 10 Minuten durch den Dunst

Ich hatte mir eigentlich einen Ankerplatz vor Beginn der heutigen Fahrt ausgesucht, der in der gerechneten Tagesreichweite lag und geeignet erschien. Die Donau hat mich jedoch im Nebel so schnell angeschoben, im Durchschnitt mit 15 km/h, dass ich deutlich vor Sonnenuntergang meinen Fahrtag an diesem Ziel ankam, jedoch diesen noch nicht beenden wollte. So fuhr ich weiter bis an einen Ponton in Oriahovo (Flußkilometer 979) mit wieder einmal mehr als 100 km Tagesstrecke. Dort angekommen, besetzte ein Polizeischiff gerade diesen Liegeplatz. Die Besatzung winkte mich zu sich heran und fragte, ob ich hier über Nacht liegen wolle. Ich bejahte und sie machten ihr Schiff los und verschwanden flußaufwärts. Wie nett war das denn?

Es war in jeder Hinsicht ein besonderer Tag und ich bin dankbar, dass ich so viele Dinge erleben konnte und neu erfahren konnte. Ohne persönliche Überwindung, ohne Selbstvertrauen und auch den Mut, etwas neues anzupacken, auch wenn innere Ängste einem die Suppe versalzen wollen, sind meines Erachtens derartige Höhepukte im Leben, wie ich einen solchen heute erleben durfte, kaum zu erreichen. Die heutige Erfahrung mit dem „blind“ fahren wird mir sicherlich den Weg zur weiteren Entwicklung als Skipper bahnen und mir neue Möglichkeiten eröffnen. Ich hoffe allerdings, dass diese Nebelwetterlagen nicht länger anhalten, denn ich möchte schon auch etwas sehen von Land und Leuten.

Nun wartet zunächst das Essen kochen, anschließend meine warme Koje und dann eine Nacht auf mich, in der ich das Glücksgefühl einer bestandenen großen Prüfung verarbeiten werde.

Gute Nacht allerseits.

2 Gedanken zu „11.11.2017 Eine neue nautische Erfahrung“

  1. Am 11.11. hat ja im Rheinland und Umgebung traditionell die 5. Jahre Zeit begonnen und so wünsche ich dir eine fröhliche und glückliche Weiterfahrt in wärmere Gefilde!
    Helau und Alaaf un et hätt noch immer jut jejange!
    Lieben Gruß aus Berlin
    Gabi

  2. So nah am Ziel wünsche ich Dir weiterhin eine „Gute Fahrt“ und die berühmte „Handbreit Wasser unter dem Kiel „!
    Es macht Spaß, Deinen Blog zu verfolgen.
    Liebe Grüße vom Schiersteiner Hafen
    Günter vom “ Goldzahn“

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