17.3.2018 Ein intensives Wechselbad der Gefühle – Angst und Freude

Die Nacht in Giglio werde ich wohl so schnell nicht mehr vergessen können. Im letzten Blogbeitrag hatte ich nur eine Vorahnung für das gehabt und formuliert, was dann folgte. Der Starkwind sollte und nahm noch zu in dieser Nacht. Das war aber nicht das Hauptproblem. Dieses lag in der sich aufbauenden Wellen im Hafenbecken und diese wurden bis in den Morgen hinein immer höher.

Das Schiff fuhr in ein Wellental entlang der Kaimauer mit zunehmender Geschwindigkeit hinein und wurde dann abrupt durch die Spring, die eben dieses verhindern soll, abgebremst. Das nächste Wellental beförderte es dann wieder in die andere Richtung, was zu einer hohen Belastung der anderen Spring führte. Dieses schwingende System schaukelte sich solange auf, bis eine kurze Pause eintrat. Dann ging es wieder von vorne los. Ohne jede Pause bis zum nächsten Tag. Jeder Leinenanschlag war genug Grund, das Gleichgewicht zu verlieren, da einem regelrecht der Boden unter den Füßen weggerissen wurde. Aber das zu verhindern, kann man üben. Was jedoch fatal werden könnte, ist der Bruch einer, oder schlimmer, zwei Leinen kurz nacheinander. Dann würde sich das Schiff vom Liegeplatz entfernen, frei durch den Hafen treiben und dabei andere Schiffe beschädigen können und letztlich an einer Pier zerschellen. Dieses war Grund genug für mich, die Nacht stehend an Deck zu verbringen. Es war, Gott sei Dank, nicht sehr kalt. Gegen sechs Uhr morgens nahm ich ein wenig Nachlassen der Leinenbelastungen wahr und legte mich in voller Montur in die Koje, um notfalls schnell wieder aktiv werden zu können, wenn ein nicht identifizierbares Geräusch auftreten sollte. Ich wurde nur noch dreimal hochgerufen. Einmal riss eine Leine, die ich verknoten konnte, ich fand eine weitere gerissene Leine, die ich durch eine letzte,eigentlich zu dünnen Reseveleine ersetzen konnte und einen weiteren Weckruf bekam ich vom Hafenchef, der mich dazu anhielt, den Hafen bis neun Uhr zu verlassen. Einen Grund gab er dazu nicht an. In der Nacht habe ich über zwanzigmal Leinen verstärken, umlegen oder verknoten sowie unzählige Male die Fender verlegen müssen. Einen von der Reling abgerissenen Fender konnte ich mit dem Bootshaken noch aus dem Wasser fischen und dessen dringend benötigten Schutz zu nutzen, der Bootshaken wurde aber bei dem heftigen Auf und Ab zwischen der Beton- und der Schiffswand mehrfach verbogen, hat aber seine Gebrauchsfähigkeit nicht vollständig verloren. Mehrere weitere Aktivitäten waren den Fenderbrettern gewidmet, die ich zum Schutz der Schiffswand vor einem Anstoßen gegen zwei in die Kaimauer eingebaute, massive Stahlringe an stählernden Haltern verwendete. Der erste Versuch mit einem Brett endete mit dessen Bruch. Da der Wellenhub bereits auf einen halben Meter angestiegen war, mußte ich mein zweites noch über die Reste des ersten installieren. Wenn eine Welle gerade durchgezogen war, produzierte sie etwa zehn Sekunden später an der geamten Pier entlang der Hauptstraße der Ortschaft einen mehr als haushohen Brecher, der einem Respekt einflößen konnte. Aus einem „sicheren“ Hafen heraus, wohlgemerkt! Das war jedenfalls eine sehr intensive Nacht bei der die Zeit erstaunlicherweise gefühlt recht schnell verging. Wahrscheinlich, weil alle Sinne durch das optisch und akustisch beeindruckende Szenario voll beansprucht wurden.

Anschwellende Brandung vor dem Hafen bedeutet nichts Gutes – in der einen Richtung
… und in der anderen. Im Hintergrund der Bergekran, der bei der Vorbeitung des Abtransports der Costa Concordia eingesetzt wurde.
Die Reaktion des Skippers ist an einer mindestens Vervierfachung sämtlicher Leinen zu erkennen. Das reichte nicht.
Der Bergekran aus der Nähe beim Vorbeifahren bei der Abfahrt. Links davon die Stelle des Unglücks.

Am Morgen waren sämtliche Leinen irgendwie Schrott. Entweder mehrfach gerissen, verknotet oder so stark schamfielt, dass sie nicht mehr verwendet werden können, auch die gerade neu angeschafften Festmacher. Auch die Fender hatten Luft gelassen und einer der „Heavy Duty“-Fender ist völlig zerstört. Aber die Odd@Sea hatte zum Glück keinen Schaden hinnehmen müssen. Nur ihr Skipper war erledigt, körperlich und mental. Auch die Fischer waren, wenn auch nicht ständig wie ich, so doch immerhin etwa jede Stunde bei ihren Schiffen. Es ist erstaunlich, wie gelassen diese Profis mit der Sache umgehen. Sie lassen ihre gut abgefenderten Schiffe, nur mit einer Bug- und einer Heckleine befestigt, frei „tanzen“, wobei diese sich kaum einmal der Kaimauer auch nur nähern. Von Springleinen halten sie nichts. Wenn ich das verstehen könnte, würde ich es kopieren.

Ein Blick zurück in den kleinen Hafen von Giglio. An der linken Pier hatte die Odd@Sea die schreckliche Nacht verbracht.
Am nächsten Morgen erinnert nichts mehr an den Horror der Nacht. Der unangenehme Schwell im Hafen ist aber immer noch da.
In Santo Stefano stehen zahlreiche Fischtrawler in einer Reihe an der Außenpier
… aber auch Sportboote
Der leere Steg voraus war für mich sehr einladend, da die Werft gleich dahinter liegt

Egal, ich musste ohne Schlaf und Autopiloten wegfahren und habe mich deshalb dazu entschlossen, nur die etwa 25 km nach Santo Stefano und nicht nach Elba zu fahren. Außerdem gab es dort eine Werft, wo ich das gebrochene Stahlteil für die Autopilotenmechanik schweißen lassen konnte. Gesagt, getan. Etwa zwei Stunden dauerte die Überfahrt auf das Festland. Dort an einem Steg in der Nähe der Werft festgemacht, zur Werft gegangen, mein Problem mit Händen und Füßen vermittelt, auf die Fertigstellung des Teils gewartet, einen geringen Preis gezahlt und das Teil in mein Schiff eingebaut, waren Schritte, die gerade insgesamt nicht viel mehr als eine Stunde gedauert hatten. Es folgte noch die Analyse der Schäden vom Vortag und dem Morgen, die ergab, dass nur einer der acht Fender wirklich Schrott war. Die anderen hatten lediglich etwas Luft gelassen und konnten wieder aufgepumpt werden. Nach einem opulenten Abendmal und dem guten Gefühl, ab morgen wieder mit einem funktionierenden Autopiloten unterwegs zu sein, ging es dann frühzeitig ins Bett.

Nach der Ausfahrt aus Santo Stefano. Die See ist absolut ruhig, später verschwinden auch noch die letzten Kräusel und es wird spiegelglatt.
Mitten in der See kommt das Gebirge punktuell aus über 100 Meter Tiefe etwas über NN oder bleibt etwa 3 Meter darunter, was natürlich für die Seefahrt noch viel gefährlicher ist.

Es wurde eine der ruhigsten Übernachtungen in einem Hafen, die ich jemals erlebt habe und auch die Tiefe meines Schlafs war auch rekordverdächtig. Das Wasser im Hafen war wie Öl, überhaupt kein Schwell. Eine wahre Wohltat! Was für ein Gegensatz! Zudem kam niemand auf mich zu, der mich mit Gebührenforderungen belästigt hätte. Nur die Angler, die diesen Steg in großer Zahl nutzten, grüßten mich zur Abfahrt freundlich.

Von hier ging es endlich weiter auf die Insel Elba. Als wollte sich das Schicksal bei mir entschuldigen für den Stress der letzten Tage fuhr ich bei überwiegendem Sonnenschein zunächst mit wenig Wind, wie sollte es auch ander sein, genau aus der Gegenrichtung mit dem Motor, nachdem dieser günstiger einfiel mit der Genua zur Unterstützung und den Rest der Strecke nur unter Segeln, was natürlich der Höhepunkt in Sachen Lust und Leidenschaft des Tages war. Die Landabdeckung setzte erst kurz vor Porto Azzurro ein, ein sehr schöner kleiner Hafen in einer noch schöneren Bucht. Die dazu gehörende Ortschaft, die ich bei der Suche nach einem Supermarkt durchwanderte, erkläre ich hiermit zur absoluten Spitze aller von mir besuchten Städte. Ich habe mich sofort in sie verliebt, sodass der abendliche Anruf von Jörg zum Wetter von morgen mich nicht erschüttern konnte. Es wird die geplante Überfahrt nach Bastia, Korsika, nicht geben und ich bin froh darüber.

Ein Gedanke zu „17.3.2018 Ein intensives Wechselbad der Gefühle – Angst und Freude“

  1. Lieber Jürgen, ich lese immer wieder gern Deine Berichte mit Vergnügen und großer Anteilnahme. Mit dem gesammelten Erfahrungsschatz kann Dich wohl kaum noch etwas erschüttern. Porto Azzurro kenne ich von DHH-Törns her und kann mir gut vorstellen, dass es Dir gefällt. Weiterhin einen schönen Törn und viele Grüße, Brigitta

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