21.5.2018 Die lange erwartete Segelroutine hat eingesetzt

Mit der Annäherung an den Sommer und den damit verbundenen stabileren Wetterlagen hat sich mein Alltag stark geändert. Abwettern ist nur noch selten erforderlich. Es gilt in erster Linie für mich, Strecke zu machen. Das hört sich für die eher touristisch Interessierten fürchterlich an, denn man schaut sich die lokalen Sehenswürdigkeiten, die man passiert, gar nicht oder zumindest nicht mit genügender Intensität an. Mein Ansatz ist allerdings auch ein anderer. Ich erlebe in kaum zu überbietender Naturnähe das Meer und die Küste vom Meer aus. Alleine diese Eindrücke sind so zahlreich und überwältigend und prasseln auf mich in einer Dichte ein, dass ich sie gar nicht wirklich verarbeiten kann.

Städtebesichtigungen, wie ich sie ja auch in geringem Umfang gemacht habe, sind aus meiner Sicht dagegen eher langweilig. Einen Eindruck über die Kultur eines Landes bekommt man eben auch, wenn man die entsprechenden Merkmale von See aus anschaut und interpretiert. Geografische, architektonische, historische, land- und forstwirtschaftliche Besonderheiten lassen sich im gemeinsamen Kontext meines Erachtens von Schiff aus ebenfalls, aber eben auch aus einer anderen Perspektive anschauen, als es auf dem typischen touristischen Weg der Fall ist. Man benötigt geradezu die Langsamkeit des Reisens im Segelschiff, um die integrative Wirkung der Beobachtungen auf sich wirken zu lassen. Eine küstenferne Querung der See mit ihrer endlosen Weite kann dabei manchmal auch als eine notwendige Erholung der überstrapazierten Sinne wirken. Wer es noch nicht erlebt hat, sollte sich einmal daran ausprobieren. Für mich ist dieser Aspekt erst mit der Fahrt entlang der spanischen Küste und dem Besuch von Ibiza und Formentera bewusst worden. Davor stand eher das Schaffen meiner Fahrtaufgabe „Rund Europa“ im Vordergrund. Die dabei bisher gemachten Erfahrungen sind allerdings alle ebenso wichtig für mich, allerdings eher mit dem Fokus auf dem Erlernen von nautischen Fähigkeiten. Nun, da das Fahren infolge der Jahreszeit einfacher geworden ist, ändert sich meine Sicht hin zu einer noch integrativeren Form der Wahrnehmung meiner Umwelt. Ich interessiere mich nicht so sehr für antike Kulturschätze, da diese mit meinem Leben nicht so erg viel zu tun haben. Eher interessiert mich, was die Menschen heute aus ihren Möglichkeiten machen. Eine moderne Stadt gibt mir sehr viel mehr Anregungen, als eine mittelalterliche, da damit auch mein Lebensgefühl eher ausgedrückt wird, welches eher zeitgenössischer Natur ist. Das Leben in der Vergangenheit ist für mich außerst langweilig. In der Wissenschaft lebt man natürlich von den Erkenntnissen der vergangenen Generationen, aber doch nur, um daraus die Gegenwart besser beschreiben zu können.

Ein gutes Beispiel mit eher volkswirtschaftlicher Relevanz beim Besuch eines Landes: Was hat der Costa Blanca ihren Namen gegeben? Die unendlich großen mit weißer Plastikfolie bedeckten Felder? Ein genaues Hinschauen lohnt sich: Vorne der Strand, dahinter Hotels und dahinter bis an den Horizont die weiß bedeckte Agrarwirtschaft. Diese Bild bietet sich dem Skipper über hunderte von Kilometern. Die Chance auch für die ärmeren Gegenden um Murcia herum?

Ich komme zurzeit schnell voran und widme mich jetzt häufiger der Technik meines Schiffes. Das Anlasserproblem und eine feuchte Bilge waren (hoffentlich) Themen der Vergangenheit. Vielen Dank noch einmal für die vielen Hinweise zur Lösung der Probleme. Leider ist meine AIS-Präsenz bei Marinetraffic.com immer noch sehr mangelhaft. Selbst in der Nähe einer bekannten Monitorstation werde ich, aber offensichtlich auch andere Schiffe, nicht wahrgenommen, obwohl die Schiffe auf meinem Monitor zu sehen sind. Die zahlreichen Angaben zum Zeitpunkt des letzten Empfangs vor vielen Stunden auch in der unmittelbaren Nähe dieser Stationen bestätigen mir, dass es vielleicht eher Betriebsprobleme mit diesen Stationen gibt. Die aktuellen Angaben stammen häufig von einer Satellitenübertragung. Das Netz dieser Stationen rund um das Mittelmeer ist auch nur sehr schlecht ausgebaut, wenn man sich die Einträge auf der Karte anschaut.

Diese Fähre nach Almeria konnte ich bereits in 36 km Entfernung mit meinem AIS identifizieren und anhand ihrer Fahrdaten feststellen, daß sie meinen Weg kurz vor meinem Bug kreuzen wird, was sie dann auch in spektakulärer Weise und in voller Fahrt mit etwa 40 km/h tat.
Dieser Felsen gab mir Schutz vor Wind und (leider etwas weniger) vor Wellen in meiner Ankerbucht vor Almeria
… diesen Vorteil wußten auch zwei andere Segler zu nutzen
Dieser kleine Hochseeschlepper verfolgte mich über Stunden, um mich dann kurz vor Almerimar mit großer Bugwelle und geringem Anstand zu überholen.

Von Cartagena kommend, habe ich über zwei Ankerstellen, der Cala Bardina und der Cala San Pedro, heute nun wieder einen Hafen, Almerimar, auf meinem Fahrplan. Hier muss ich dringend Lebensmittel einkaufen. Die letzten Fahrten fanden segelnder Weise statt, mit achterlichem, leider aber etwas schwachem Wind bei idealen Wasserbedingungen ohne Welle. Weiter geht es in Richtung Gibraltar über eine weitere Ankerbucht, Las Palomar, dann entweder nach Malaga, wo ein Freund von Jörg möglicherweise mit seinem Schiff von einer langen Fahrt aus dem Atlantik eintrifft, oder nach Fuengirola, etwas weiter westlich von Malaga. Das Wetter ist aus Landrattensicht sehr gut, sonnig mit ein paar Wolken, 27°C, die Windstärke heute mit 10 Knoten eigentlich auch gut zum Segeln, wenn der Wind allerdings nicht wieder genau von vorne kommen würde. Mit glatter See ohne Dünung und nur etwa 20 cm Windsee ist die Fahrt ein reines Vergnügen, wenn es nicht mit nur 4,5 Knoten so extrem langsam voran gehen würde. Egal, das kenne ich schon und ich weiß, dass die Odd@Sea keine Rennziege ist. Es kommen auch wieder bessere Segelbedingungen. Die Odd@Sea liegt jedenfalls so ruhig auf dem Wasser, dass ich die typischen Hausarbeiten während der Fahrt erledigen kann. Der Hafen von Almerimar ist jedenfalls insgesamt das Beste, was ich bisher auf meiner Fahrt seit Mitte August letzten Jahres erlebt habe. Technisch sehr gut ausgestattet und alles in einem hervorragenden Zustand, ein zuvorkommendes, liebenswürdiges und sehr freundliches Personal, eine Lage mitten im Kern einer modernen Stadt, die allerdings trotz ihrer Jugend einen sehr gemütlichen Eindruck macht und ein Liegeplatzpreis, der so weit unter dem Durchschnitt liegt, dass ich es Interessenten selbst überlasse, diesen im Internet zu recherchieren. Mich hat das Gesamtpaket jedenfalls schlicht umgehauen. Hier möchte man gerne einmal für längere Zeit bleiben.

Die OddQSea in einem der Becken vom Hafen von Almerimar inmitten des Stadtkerns

Einen sehr persönlichen Punkt möchte ich zum Abschluss hier einmal ansprechen, der mir am Herzen liegt und auch etwas mit meiner Fahrt zu tun hat. Es geht um die Selbstreflexion eines älteren Herrn, dem die grundsätzlichen Erkenntnisse über sein Dasein auf dieser Welt erst in einem fortgeschrittenen Alter kommen. Als ich ein kleines Kind war und große Probleme mit meinem Dasein hatte, sagte ich mir zum Trost über mein belastetes Seelenleben immer, warte ab, das richtige Leben kommt noch. Diese Vorstellung wiederholte sich dann zunächst in der Pubertät, den „Flegeljahren“, der Schulzeit, dem Studium. Aber auch in der Berufstätigkeit und in meiner intensiven Zeit des Fliegens stand wie ein Mantra in meinen Gedanken die Zuversicht auf ein späteres „richtiges Leben“, welches überhaupt nicht definiert war, in meinen Gedanken im Vordergrund. Es wird schon kommen. Auch nach meiner gescheiterten Ehe und dem Heranwachsen meiner beiden lieben Töchter war das nicht anders und auch nicht, als ich nach vielen Jahren der Arbeit in der Industrie in Hamburg den Ruf an die Universität in Berlin annahm und in dieser Position bis zu meiner Pensionierung arbeitete. Als ich mehr unbewusst als bewusst anfing, mich mit dem Segeln zu beschäftigen, Literatur über die großen Weltumsegler las, damit anfing, das Segeln in Theorie und Praxis zu erlernen und mich fit zum Führen auch großer Schiffe machte, wusste ich immer noch nicht, was mich eigentlich dazu bewegte. Da war noch etwas, nämlich, dass da noch etwas kommen musste, was für mich das wirklich Richtige sein würde. Es ist mir erst jetzt auf dem Schiff nach einem dreiviertel Jahr auf dem Wasser klar geworden, dass das, was ich jetzt mache, das wirklich Richtige für mich ist. Unbewusst habe ich mich darauf vorbereitet, als ich vor vielen Jahren damit anfing, mich gezielt körperlich wieder fit zu machen und selbst eine Amateurfunkprüfung, Klasse A, die schwerste Prüfung meines Lebens, zu erarbeiten, um auch später auf See kommunikationsfähig zu bleiben. Mein heute wunderbares Seelenleben und mein ausgezeichneter körperlicher Zustand sind die Voraussetzungen dafür, dass ich heute das wirklich Richtige mache, nämlich den Traum meines Lebens zu verwirklichen. Es ging mir noch nie so gut wie heute, ich treffe eine andere Art Menschen, als die, die ich früher traf, Wunsch und Wirklichkeit kommen jetzt wie von selbst zusammen. Alle Unbilden meines früheren Lebens sind vollständig vergessen, nicht eben nur verdrängt. Alles in meinem Leben hat sich jetzt gefunden und so soll es bleiben, bis mich eine höhere Instanz abruft. Aber bis dahin werde ich weiterhin mein Leben als Mensch, Segler und Weltenbummler in vollen Zügen genießen.

Übermorgen wird mich ein starker Ostwind in Richtung Gibraltar befördern. Ich freue mich schon auf eine Rauschefahrt vor dem Wind.

2 Gedanken zu „21.5.2018 Die lange erwartete Segelroutine hat eingesetzt“

  1. Lieber Jürgen!

    Ganz herzlichen Dank für die wunderbare Zusammenfassung der Gemütszustände Deines bisherigen Lebens, und der Ankunft bei Dir selbst!
    Hab mich dabei an einigen Stellen wieder gefunden!
    Leider hab ich mich aus gesundheitlichen Gründen vor Kurzem von meiner/ unserer guten alten Nautic trennen müssen. Die für die Altersteilzeit aufgeschobenen Renovierungsarbeiten konnte ich leider körperlich und fachlich alleine nicht bewältigen, und ein Schwaecheanfall auf dem Nachhauseweg hat mir Panik gemacht.
    Im Hinblick auf eine ungewisse gesundheitliche Zukunft sind Regine und ich nun vor kurzem auch noch ein „offizielles“ Paar geworden. Klingt jetzt unromantischer als es ist. Natürlich „mögen“ wir uns auch……;-))
    Es besteht allerdings die Hoffnung dass wir uns nochmal ein etwas pflegeleichteres und jüngeres Motorboot zulegen und damit noch bisschen unterwegs sein können.
    Auch ich habe die Vision, dass nach Kindheit, Jugend, Berufsleben, Krankheit, Ehrenämtern, usw. noch mal das „richtige“Leben anfängt.
    Mal sehen was draus wird.
    Dir wünschen wir weiterhin gute Fahrt und eine wunderschöne Zeit zusammen mit der odd@sea!
    LG! Stefan+Regine
    (ehem.) MY Nautic, Wiesbadener Yacht Club

  2. Lieber Jürgen,
    Dir scheint die Seefahrt besser als die Luftfahrt zu liegen.
    Die Kire ist heil in La Coruña angekommen.
    Das Schiff bleibt bis etwa Ende Juni hier in Coruña.
    Am 9.7. bis du hier zur Geburtstagparty eingeladen!
    Liebe Grüße
    Erik

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