3.1.2020 Hallo 2020 und willkommen im Neuen Jahr

Mein Familienausflug nach Berlin und Hamburg endete einige Tage vor dem Jahreswechsel. Trotz des Streiks in Frankreich, der eine schnelle Bahnverbindung zwischen dem Flughafen von Nantes und Les Sables D´Olonne verhinderte, konnte ich schon etwa um 20:00 Uhr die Luken der Odd@Sea aufschließen und mich wieder an Bord begeben. Die Strecke mit dem Überlandbus war die gleiche wie bei der Hinfahrt, jedoch war der zweite Streckenabschnitt ab La Roche sur Yon deutlich dieses Mal kürzer und die Fahrtdauer erfreulicher und überraschender Weise deutlich kürzer. Der Bus war, anders als bei den bisherigen Strecken, fast voll. Man wollte wohl, wie ich auch, nach den Feiertagen wieder nach Hause fahren.

Sylvester wird offensichtlich in Frankreich nicht gefeiert, denn außer 7(!) von mir einzeln akustisch wahrgenommenen und gezählten Böllern, die auf der Straße vor der Marina gezündet wurden, habe ich in dieser Nacht weder weitere Knaller noch irgendwelche bunten Sterne am Himmel wahrnehmen können. Einzig die Möwen wurden von durch die Böller zu einem langanhaltenden Konzert animiert. Keine Menschenseele zu Mitternacht auf der Straße, alles um mich herum dunkel, wie ungewöhnlich für einen deutschen Großstädter. Das letzte Sylvesterfest habe ich mit zwei lieben Seglern zusammen auf den Stufen der Landungsbrücken unterhalb der Elphi im Herzen von Hamburg verbracht, wo sich die Besucher und die Einheimischen ein endloses Stelldichein gaben. Was für ein Unterschied!

Ich hatte mir vorgenommen, die letzten Tage des Jahres noch einmal intensiv der Suche nach der Ursache des Wassereinbruchs zu widmen, um dann nach Sylvester die notwendigen Arbeiten zu definieren und gegebenenfalls in Auftrag zu geben. So wollte ich zunächst einmal ausschließen, dass die Motorkühlung eine Leckage aufweist. Bisher habe ich lediglich nach Wasser im Bereich der Antriebswelle während der Fahrt und im Stand geschaut und konnte nichts feststellen. Ich ließ also den Motor an, der auch nach der Standzeit mit dem ersten Kolbenhub ansprang und kletterte schnell über den geöffneten Motorraum nach unten. Was ich da sah, war nicht schön! Es sprudelte geradezu Wasser in die Motorbilge. Der Ansaugschlauch lag bereits nach einigen Sekunden vollständig im Wasser und ich nahm deshalb diesen hoch, um eine etwaige Leckage zu erkennen. In der Tat sprudelte das Wasser sichtbar im Bereich des tiefsten Punktes seines Verlaufs zum Getriebe. Es fühlte sich auch so an, als ob an dieser Stelle der Schlauch so etwas wie Kerben aufwies. Es war also klar: Der Schlauch ist undicht, muss ausgebaut und gewechselt werden.

Gesagt, getan! Wenn man derartiges vorhat, dann weiß man zunächst nicht, worauf man sich dabei einlässt, denn der Schlauch ist sehr dickwandig und somit auch sehr steif. Die Arbeit erwies sich mangels Zugänglichkeit als Höchststrafe für einen Menschen meines Alters. Ein Fakir hätte sich sicherlich leichter damit getan. An der Wasserpumpe kann man die Schelle noch leicht lösen, da man viel Platz vor dem Motor hat. Beim Abziehen eines bereits 13 Jahre alten Schlauchs vom Stutzen tut man sich schon schwerer. Dann begann der artistische Teil der Arbeit. Nach ausprobieren von mindestens 5 verschiedenen Körperstellungen im Bereich der hinteren Kabine, zusammengefaltet in die eine und in die andere Richtung, dann mit dem Körper oder Beinen teils in und teils vor der Kabine, gelang mir das Kunststück. Von dem Beleuchtungsproblem dabei will ich gar nicht sprechen. Vor allem die Knie wollen die Belastungen nur widerwillig ertragen. So what, es gelang nach einiger Zeit des Probierens, den Schlauch schließlich auszubauen. Ich habe dabei viel über die kinematischen Möglichkeiten und Begrenzungen des menschlichen Körpers gelernt. Die Höchststrafe wurde dann bei der Dichtigkeitsprüfung noch einmal verdoppelt, denn der Schlauch erwies sich gnadenlos als dicht. Auch ein lauter Schrei „Scheiße“ half nichts, ich musste ihn wieder einbauen. Wegen der Frustration ließ ich erst einmal ein Tag und eine Nacht vergehen.

Der Rückbau des Schlauches war nicht minder körperlich anfordernd, jedoch kann ich die geeigneten Körperpositionen nun schon besser. Es gelang trotz einige Blessuren an Händen und Armen, die ich an den zahlreichen scharfen Bauteilkanten im sehr beengten Raum unter dem Motor eingefangen habe, einigermaßen schnell. Nun stand ein zweiter Probelauf des Motors auf dem Programm, um die wirkliche Problemursache zu finden. Das war schnell getan und siehe da, das Wasser lief strömend aus der Wasserpumpe heraus entlang des Schlauches bis zu dessen tiefster Stelle und sprudelte dort so, dass es so aussah, als ob es dort heraustritt. Wieder einmal habe ich mich optisch foppen lassen. Etwas Überlegung hätte mir das erspart: Da in diesem Schlauch Unterdruck herrscht, wird sich eine Leckage eher als dünnes Rinnsal zeigen, wenn nicht sogar eher Luft angesaugt würde. Den Simmering in der Wasserpumpe hatte ich bereits auf Ibiza mit Erfolg ohne Probleme gewechselt, als dort ein paar wenige Tropfen pro Minute austraten. Nun ja, jetzt wird wohl mehr kaputt sein als nur der Dichtring.

In Frankreich ist die Zeit zwischen Neujahr und dem darauf folgenden Wochenende für alle außer den Lebensmittelhändlern Feiertag. Ich werde also erst am Montag zu der ortsansässigen Volvo-Werkstatt gehen können, um das Problem mit dem Wassereinbruch in der Odd@Sea zu beheben. Man kann diesen Worten entnehmen, dass ich nunmehr davon ausgehe, dass das Schiff strukturell dicht ist und die Befürchtungen gegenstandslos geworden sind, dass Schweißarbeiten am Koker erforderlich sind. Ich werde dennoch die Zeit hier in Les Sables D´Olonne nutzen, um das Unterwasserschiff der Odd@Sea zu reinigen und mit Anti-Fowling zu behandeln. Dazu wird sie für ein paar Tage an Land gebracht. Die Reparatur der Inneneinrichtung in der Heckkabine durch Tischler von Alubat bleibt nach wie vor Ende Januar auf dem Programm.

Das Leckageszenario der letzten Fahrtage ist nach derzeitigem Kenntnisstand mit diesem Befund voll kompatibel: Die Bilge ist im Stand dicht, einige Tropfen Süßwasser tauchen auf, die wahrscheinlich durch die alte Leckage des Warmwasserrohrs am Austritt aus dem Warmwasserboiler verursacht werden. An beiden Verschraubungen des eigentlich zu kurzen Verbindungsrohrs zwischen Auslass und dem ersten Krümmer sind stets ein paar Tropfen zu finden. Der Wassereinbruch besteht aus Salzwasser und das in großen Mengen. Nach meiner Beobachtung schätze ich die Menge bei den Motorstandläufen auf mindestens einen halben Liter pro Minute im Leerlauf. Allein die Einfahrt in den Hafen, bei der der Motor stets arbeitet, kann die beobachteten Wassermengen rechtfertigen. Dieser lief beim letzten Törn etliche Stunden und füllte bei der Ankunft die Bilge bis über die Griffe der Seeventile. Das war nicht so bei den Törns, bei denen ich überwiegend gesegelt bin. Nun ist die Messung des Wasservolumens einer dreidimensional gekrümmten Bilge ziemlich schwer. Ich habe deshalb ein vereinfachtes EXCEL-Rechenmodell für die Geometrie der OVNI 365 aufgestellt und meine diesbezüglichen Schätzungen schnell revidieren müssen. Wenn man nur an der tiefsten Stelle der Bilge den Wasserstand misst, dann kann man damit die Gesamtmenge hochrechnen. Die Zunahme des Volumens ist zunächst gering, dann aber stark progressiv. Meine Schätzungen aus der Sichtung waren also viel zu ungenau. Jetzt scheint die Erfahrung mit dem Schadensszenario wieder überein zu stimmen.

Oops, gerade muß ich feststellen, daß meine Gasflasche leer ist. Das trifft sich gut, denn die dazu passenden Läden haben alle geschlossen und es steht ein Wochenende an. Wie praktisch! Toaste ohne Toasten und kaltes Essen. Na ja, kann ja mal vorkommen.

Ich würde gerne einmal eine Rückmeldung von erfahrenen Seglern zu der Frage haben, ob nur ich, der ich handwerklich und ingenieurtechnisch eigentlich ziemlich fit bin, derartige, fast schon nur durch Blödheit des Skippers zu erklärende Erlebnisse mit der Schiffstechnik habe. Na ja, et is ja bisher immer alles god jegange.

Ein Gedanke zu „3.1.2020 Hallo 2020 und willkommen im Neuen Jahr“

  1. Lieber Jürgen,
    allzeit gute Fahrt im Neuen Jahr. Bei uns fuhr öfter ein blinder Passagier namens Murphy mit. Nach unserer aktiven Seglerzeit kann ich darüber ohne Schamesröte berichten, weil die dadurch entstandenen Anekdoten zusätzlich ein verklärendes Licht auf die Segelei werfen. Segeln ist halt komplexer als Ubahn fahren, irgendwo hakt es häufig.
    Herzlichst
    Rita und Andreas aus Bormes les Mimosas

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.