30.8.2017: Binnenfahrtroutine stellt sich nur langsam ein

Vorweg: Die Kommunikation mit der Website stellt sich als sehr schwierig dar, denn es gibt auf einer Binnenfahrt so gut wie keinen WLAN-Zugriff. Deshalb habe ich mich hier in Leverkusen entschlossen, einen UMTS-Stick anzuschaffen, der mit dem Telefonnetz arbeitet. Man kann also zukünftig kontinuierlicher auf Informationen hoffen.

Was das rein Nautische angeht, hat sich eine gute Routine an Bord sehr rasch eingestellt. Das betrifft insbesondere die streckenweise sehr langweilige Kanalfahrt, das Schleusen in z.T. beeindruckenden Bauwerken der Wasserbaukunst, die ruhigen Nächte an öffentlichen Liegeplätzen mitten in der Pampa sowie die Führung des Haushalts inklusive der Zubereitung der Malzeiten.

Kanalfahrt kann auch langweilig sein!
Schleuse Hohenwarthe nahe der Trogbrücke über die Elbe – eine der größten in Deutschland

Seit Minden hat sich allerdings der technische Zustand der Odd@Sea, die anfängt, Ihrem Namen alle Ehre zu machen, als sehr fragil erwiesen, insbesondere was den Motor angeht. Das Slippen und das Reinigen des Unterwasserschiffs in Minden war offensichtlich noch nicht die Lösung des Überhitzungsproblems. Ich habe deshalb die Ansaugseite am nächsten Haltepunkt in Recke stromab weiter untersucht und festgestellt, daß der Anti-Syphon, ein schwanenhalsförmig verlaufendes Rohr mit einem Ventil, welches das Eindringen von Seewasser in den Motor beim Segeln mit größerer Krängung verhindert, scheinbar nur wenig Wasser durchließ. Ich schloss dieses Element, welches bei der Binnenfahrt nutzlos ist, schlicht kurz und konnte zumindest so die nächsten Streckenabschnitte nach Lüdinghausen auf dem Dortmund-Ems-Kanal sowie durch den Rhein-Herne-Kanal nach Krefeld ohne jede Beanstandung fahren. Hier ankerte ich am Abend sehr romantisch in einer Bucht vor einer Marina zusammen mit einer anderen Segelyacht mit gelegtem Mast.

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Die Abfahrt am nächsten Morgen führte allerdings zu einem Ereignis der besonderen Art: Gewohnt, mit gehobenem Schwert und Ruder sehr eng am Ufer die Bereiche mit verminderte Strömungsgeschwindigkeit zu nutzen, um schneller voran zu kommen und dabei sehr aufmerksam steuern zu müssen, unterschätzte ich eine Untiefe mit sehr unangenehmen Steinen auf dem Grund. Das Ergebnis: Ich setzte auf, wurde manövrierungsunfähig und setzte folglich die rote Fahne. Kurioserweise passierte dieses direkt neben der Marina Krefeld, die querab hinter einer Landzunge lag. Die Besatzung eines von Duisburg herannahenden Feuerwehrschiffs, welches wegen seines Tiefgangs nicht nahe genug herankommen konnte, um mich auf den Haken nehmen zu können, wies mich über Funk an, dass ich mein Schiff mit dem Anker sichern, mit meinem Beiboot ans Ufer und zu Fuss zur Marina laufen solle, um Hilfe zu holen. Dieses tat ich weisungsgemäß und traf dort auf sehr hilfsbereite und freundliche Menschen, die mich mit einem starken Motorboot ohne Probleme „retteten“. Ich blieb dann den Tag und die folgende Nacht bei diesen äußerst netten Leuten und erfreute mich an einem herrlich Abend mit vielen schönen Gesprächen.

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Auf dem nächsten Streckenabschnitt endete meine Fahrt wieder ungewollt, dieses Mal in Hitdorf, einem Hafen zwischen Dormagen und Leverkusen, da sich erneut mein Motor mit der bekannten Störung meldete. Hier waren wieder sehr freundliche Menschen zugegen, die mir mit gutem Zureden und ihrem Wissen zu dem Problemthema zur Seite standen und mir einen weiteren angenehmen Abend bescherten. Da es Sonntag war, konnte ich jedoch keine technische Hilfe in Anspruch nehmen und so spülte ich am nächsten Morgen zunächst einmal den gesamten äußeren Kreislauf mit Druckwasser in der Hoffnung, dass dieses für die weitere Fahrt Wirkung zeigen würde. Als ich dann spät am Abend in meine Koje gehen wollte mußte ich feststellen, dass mein gesamter Frischwasservorrat seinen Ort vom Tank in die Bilge gewechselt hatte. Der Grund: Es war, während ich in der Kneipe war oder bereits kurz vor dem Einlaufen in den Hafen, das Warmwassserdruckrohr wegen Überhitzung geplatzt. Die Erklärung: Die Pumpe schaltet sich automatisch bei zu geringem Leitungsdruck ein, um diesen wieder herzustellen, auch dann, wenn kein Wasser zum pumpen mehr da ist. Meine beiden Bilgepumpen lösten das Problem mit dem Wasser im Rumpf sehr rasch, den Wassertank konnte ich auch wieder auffüllen und das defekte Rohrende durch Kürzung der verbliebenen heilen Reste reparieren. Jedoch lässt sich aus diesem Vorfall ein technisches Szenario konstruieren, welches auf einen erheblichen Reparaturbedarf hinauslaüft. Die Aufheizung im Boiler erfolgt nämlich entweder mit Landstrom oder mit dem Motorkühlwasser im inneren Kreislauf. Letzteres führt zu einem klaren Zusammenhang mit den Überhitzungserscheinungen. Jedenfalls habe ich sofort den Boiler vom Motorkreislauf abgekoppelt und kann mir zur Zeit nur mit Landstrom eine schöne warme Dusche bereiten.

Dennoch wollte ich mit verminderter Leistung weiter Richtung Köln. Der Versuch der Weiterfahrt auf dem Rhein endete dann auch bereits nach einigen wenigen Kilometern mit einer weiteren Überhitzungswarnung. Zunächst hielt ich an und ankerte zwischen Buhnen, um noch weitere Tests zur Behebung des Problems zu versuchen, entschied mich aber sehr rasch, in dem kleinen nahe gelegenen Hafen „Leverkusen Tonne 701“ einzulaufen und hier bis zur endgültigen Problembeseitigung zu bleiben. Meine überaus positiven Erfahrung mit den Menschen am Rhein wurden hier sofort wieder bestätigt. Ein Marinemechaniker, der ohnehin ein Boot im Hafen behandeln musste, nahm sich auch der Odd@Sea kurz an und stellte fest, dass wohl der Wärmetauscher die Problemursache sei. Allerdings könne er die dazu notwendigen Arbeiten erst am nächsten Montag, das heißt in einer Woche, angehen. So liege ich jetzt in Leverkusen, habe zumindest an einem geschichtsträchtigen Ort, der „Wacht am Rhein“, WLAN-Anbindung und kann mich wieder einmal mit Informationen zur Reise melden. Meine rasche Entscheidung in Leverkusen einen UMTS-Stick für mein Notebook zu kaufen, erweist sich als sehr sinnvoll, denn ich habe nun wirklich schnelle Verbindungen ins Netz und kann auch meinen anderen Verpflichtungen, wie zum Beispiel der Kontoführung, besser nachkommen.

Ansonsten wurde mein Zwangsaufenthalt in sehr angenehmer Weise verkürzt durch drei abendliche Treffen mit Freunden aus Köln. Ich danke Euch Dietrich und Maggie für Euren Besuch an der „Tonne 701“ und dem schönen Abend in Leverkusen und der „Wacht am Rhein“ sowie dem Spaziergang durch die Altstadt und den Rhein entlang zu Deinem tollen Zuhause, lieber Dietrich. Ausserdem danke ich Michael („Angu“) für die Bekanntmachung mit einem ganz liebenswerten Menschen, der in Köln wohnt und der wie kaum einer die Stadt „inhaliert“ hat. Lieber Levend, es war ein wunderschöner Abend mit Dir in den Straßen und Kneipen der Altstadt und wunderbare Gespräche, die ich nicht vergessen werde und für die ich Dir herzlich danke.

Blick von Dietrich´s Dachterrasse über den Dächern der Stadt auf den Kölner Dom
Angenehmer Zwangsstop wegen technischer Probleme im wunderschönen kleinen Rheinhafen „Tonne 701“ bei Leverkusen. Die Odd@Sea liegt am Kopfende des äußeren Stegs. Das Stegsystem schwimmt, mit Stahlseilen am Ufer verankert, in der Bucht zwischen zwei Bunen und macht zusammen mit den liegenden Schiffen beeindruckende Bewegungen im Schwell der großen vorbei fahrenden Frachter.

Heute, am 5. September, erfahre ich vom Mechaniker, der sich meines Wärmetauschers angenommen hat, dass sich wohl im Vorleben der Odd@Sea einmal ein Impeller zerlegt haben muss, denn die Reste davon haben diesen zum Teil verstopft und die Kunststoffkrümmer beschädigt hat. Damit ist ein plausibler Grund für alle die Befunde ermittelt, der mir die Gewissheit gibt, dass mein Problem mit begrenztem Aufwand gelöst werden kann und meine Fahrt in Kürze weitergeführt werden kann. Allerdings müssen die Ersatzteile erst einmal bestellt und geliefert und dann auch eingebaut werden, bevor mein Motor wieder seine vollständige Gestalt annehmen kann. Das wird wohl mindestens noch zwei Tage dauern. Ich mache mir wegen des zunehmenden Zeitverzugs Sorgen darum, ob ich die wärmeren Regionen zum Überwintern noch vor dem winterlichen Kälteeinbruch erreichen kann und habe als Alternative die Abkürzung über die Mosel und den Rhône ins Mittelmeer in Erwägung gezogen. Da die Entscheidung darüber spätestens in Koblenz erfolgen müsste, bleibe ich erst einmal entspannt und harre der Dinge, die da kommen werden.

Was ich gerade in den letzten Tagen gelernt habe ist vor allem, daß Reisende sehr privilierte Menschen sind, denn man begegnet ihnen offensichtlich mit einer besonderer Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit. Die Frage nach dem „woher“ und „wohin“ ist stets de Einstieg in interessante, manchmal lustige, aber immer bereichernde Gespräche, die manchmal erst spät in der Nacht und nach einigem Kölsch enden. Vielleicht stimmt ja die literarische Ansage, dass man Reisende besser nicht aufhält, sondern mithilft, dass sie ihr Ziel erreichen. Zum eigenen Wohle wohlgemerkt. Ich empfinde die Zeit jedenfalls ebenso durch die vielen neuen und durchweg erfreulichen Erfahrungen in meiner neuen Lebensumgebung. Ansonsten hat sich bei mir eine noch nie so wahrgenommene Gelassenheit und Entspanntheit eingestellt, trotz der widrigen Umstände und der unklaren zeitlichen Veränderungen, die damit einhergehen. Zeit spielt eine weiter abnehmende Rolle. Das Lebensmodell der „Schildkröte“ wird für mich langsam gefühlte Realität: „Immer unterwegs, aber immer zuhause“.

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