7.10.2017 Genuß im Maintal

Bevor ich auf die letzten Tage eingehe, möchte ich noch nachholen, wie es in dem kleinen Hafen von Mainaschaff weitergegangen ist. Der gesamte geplante Abfahrtstag war von Anfang an so stürmisch, dass ein Ablegen überhaupt nicht in Frage kam. Es war der „Versicherungstag“ in Deutschland, an dem Norddeutschland schwer gelitten hat. Hier waren nur die Ausläufer des Orkans zu spüren. Am Tag nach diesem weiteren Wartetag war es am Morgen nur noch schwach windig und es gelang mir ohne jede Schwierigeit, die Odd@Sea aus der Enge des Liegeplatzes wieder in den Main zu bugsieren. Die vom Hafenmeister angebotene Hilfe in der Not benötigte ich nicht. Wie ging das? Ich habe das Schiff selber das Manöver machen lassen, indem ich abgewartet, beobachtet und schließlich seinen Willen interpretiert und genutzt habe. Nach kurzem Rückschub im Leerlauf, um vom Steg wegzukommen, drehte der Wind das Boot von ganz alleine in die richtige Richtung, wie von Geisterhand. Die Ausfahrt war auf diese Weise komplikationslos erledigt.

Es folgten drei Tage mit Genuß pur! Die erste Übernachtung fand in Miltenberg statt, einer ebenfalls sehr engen, aber pikfeinen und auch teuren Marina und heute Abend schreibe ich den Blog nach zwei Fahrtagen in überwältigend schöner Gegend, heute mit einem Fahrabschnitt durch den Spessart, in Bettingen bei Wertheim. Zunächst etwas für die Nautiker unter den Lesern: 20 Schleusen habe ich bisher auf dem Main passiert, wobei sich mittlerweile eine gute Routine eingestellt hat. Die für mich neue, intensive Nutzung des Funks führt zu einer sehr kollegialen Kooperation mit den Schleusenwärtern, die sich alle Mühe geben, den Zeitverlust zu minimieren. Wenn man Glück hat, dann kann man sich den ganzen Tag einem oder zwei Großschiffen anschließen, die nur wenig schneller fahren, aber deutlich länger brauchen, um in der Schleuse festzumachen. Da wird man dann stets einige Minuten später noch mit geschleust und vermeidet den Schwell einer ganz leeren Schleuse, wenn man alleine ist.

Der Main hat, obwohl er mit sehr vielen Schleusen reguliert wird, immerhin noch eine Stömung von 1,5 bis 2 Knoten, was die Tagesstrecke natürlich deutlich gegenüber einer reinen Kanalfahrt senkt. Allerdings ist er sehr viel einfacher zu befahren als der Rhein, nicht zuletzt deshalb, dass der Grund nicht aus Steinen und Felsen beliebiger Größe, sondern aus Sand besteht und dadurch die Fahrwassertiefe mit Bordmitteln sehr genau gemessen werden kann. Sie ändert sich nur sehr wenig, was genügend Zeit zur Reaktion läßt, ist aber insgesamt geringer als auf dem Rhein. Auf ausdrückliche Empfehlung des Hafenmeisters in Mainaschaff nutze ich wieder mein Navigationsdisplay, da dieses die AIS-Signale sämtlicher Schiffe anzeigt. Zwar verwende ich die exellente (und auch kostenfreie) elektronische Karte OpenCPN für die Binnenfahrt, da ich keine Karte für das Großdisplay habe, dennoch lassen sich auch die hinter den engen Flußschlaufen fahrenden Schiffe sehr gut erkennen, wenn beide Karten im gleichen Modus, z.B. Norden oben, dargestellt werden. Das ist eine große Erleichterung und gibt dem Skipper mehr Freiraum zum Geniessen, beispielsweise der beeindruckenden Landschaft und ihrer Tierwelt. Dass ich selber von allen anderen Fahrensleuten auch gesehen werde, ist für mich eine weitere Versicherung.

Was macht diese Gegend so eindrucksvoll? Es ist wohl das Zusammenspiel von abwechselungsreicher Landschaft mit einem zum Teil tief eingeschnittenen Maintal oder auch flachen Ebenen, begleitet von einer sehr vielfältigen Flora und Fauna und dem, was der Mensch mit Alledem anfängt. Kleine und große Ortschaften, pitoresk oder schlicht schön, aber im Bergland fast immer mit einer oben am Felsen angeklebten Burg oder einem herrlichen Schloß. Das macht natürlich alles auch die Rheinlandschaft aus, allerdings haben gerade die geringeren Dimensionen einen besonderen Charme. Es wundert mich nicht, dass die Menschen an beiden Flüssen in dieser landschaftlichen Umgebung den Eindruck von größerer Gelassenheit bei mir hinterlassen und nach meiner Erfahrung zugänglicher, freundlicher und hilfsbereiter sind, als die in der Großstadt. Ansonsten ist über diesen Fluß zu bemerken, dass er wie kaum ein anderer mäandert. Im Prinzip möchte ich nach Südosten, aber ich fahre sämtliche Kurse der Kompaßrose, auch nordöstliche! Was hat sich die Natur dabei gedacht?

Die Aschaffenburg in der gleichnamigen Stadt am Main
Eine der unzähligen Burgen am Main, fast wie am Rhein
Anfahrt auf eine typische Kleinstadt am Fluß
Manche Orte haben auch mehrere Burgen
Enge Täler im Spessart
Undurchdringlicher Wald am Ufer des Mains
Wer glaubt, auf dem Main wird nicht gesegelt, der irrt.
… und noch eine Burg

Ich möchte meine Lebenssituation auf meiner Fahrt nicht unerwähnt lassen. Das Gefühl, dass ich stets und an jedem Ort auf meinem Schiff zuhause bin, hat sich sehr schnell eingestellt. Natürlich ordnet sich die tägliche Gestaltung der Lebenshaltung den Anforderungen der Fahrt unter. Einkaufen kann ich nur an Liegeplätzen, in deren Nähe auch Ortschaften mit Geschäften sind, das Gleiche gilt auch für das Besorgen von Bargeld sowie für das Waschen der Wäsche und das Haareschneiden. Geduscht wird an Bord, allerdings in einer durchaus wirksamen „Light-Version“, denn es ist wenig Platz und nur begrenzt Wasser vorhanden. Wenn es denn auch warm sein soll, muß es entweder mit Landstrom oder mit der Motorhitze erwärmt werden. Wenn man also ohne Landstrom für längere Zeit irgendwo liegt, dann fällt Duschen und Abwaschen aus, jedenfalls ein gründliches. Die Zeit auf dem Trockenen in Bingen habe ich den Fäkalientank erfolgreich genutzt, ansonsten gehen das Abwasser über Bord, was wohl angesichts der Mengenverhältnisse gerechtfertigt scheint. Der Gaskocher läßt die gleichen Möglichkeiten zu, die man von einem festen Zuhause her kennt. Der kulinarischen Genüsse snd sind an Bord also keine Grenzen scheint gesetzt. Nicht zuletzt ist meine Koje zum Begleiter geworden, ohne den ich nicht mehr leben möchte. Da das Schiff exzellent wärmeisoliert ist, ist es zugleich fast vollständig schallundurchlässig und ich habe die Fenster mit Vorhängen lichtdicht gemacht. Aber nicht nur dadurch schlafe ich hervorragend, sondern insbesondere durch die tägliche Sauerstoffvergiftung und die körperliche Anstrengung, die eine Einhandfahrt über viele Stunden täglich verursacht, insbesondere dann, wenn es so kalt ist in unseren Breiten wie zur Zeit. Ohne den Autopiloten, der mir ein geringes Maß an Bewegungsfreiheit an Bord erlaubt, wäre meine Fahrt nicht darstellbar. Ein Ruhetag in der Woche scheint absolut notwendig, um keinen gesundheitlichen Schaden zu nehmen. Allerdings steht eine gewisse Sucht nach dem täglichen Genuss nach den immer neuen und besonderen Eindrücken gegen diese Notwendigkeit. Da muss wohl die Kunst der Selbstbeherrschung geübt werden, um nicht aus der Balance zu geraten. Schaun` mer mal, wie es weiter geht.

Zum Abschluss noch ein paar Impressionen:

Eine ICE-Brücke, die in einen Tunnel übergeht
… aber auch langweilige Abschnitte
Abenddämmerung am Main
… es wird immer kitschiger
… und der Kitsch endet mit einem Regenbogen

 

5 Gedanken zu „7.10.2017 Genuß im Maintal“

  1. Hallo Jürgen, ich freue mich, dass du den schlimmen Sturm überstanden hast, jetzt wieder gut voran kommst und die Fahrt genießt. Bin in engem Kontakt mit Christiane und habe ihr von deinem blog erzählt. Sie hat sich sehr darüber gefreut. Hatte auch mit Lena Kontakt, die ja jetzt wohl schon Sozialwissenschaften in Marburg studiert (toll!). Kann man dich auch telefonisch erreichen? Meine Nummer ist immer noch 01632651748. Sehr liebe Grüße von deiner Schwester Angela und von Daniel

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