7.7.2018 Das Meer ruft oder: Was ist der größte anzunehmende Technikausfall für Einhandsegler?

Ich schreibe diesen Beitrag am Ende meiner Biskaya-Querung von meinem Zielort Audierne, einem kleinen Flusshafen etwas südlich von Brest und nach einer Extremerfahrung, die mich nach einiger Überlegung dann eher doch glücklich als verärgert hinterlässt. Was ist passiert. Eigentlich wollte ich meinen Plan zur direkten Querung der Biskaya von La Corunia aus kurzfristig doch noch aufgrund der vorliegenden Wetterlage aufgeben und den Weg entlang der spanischen Nordküste so weit nehmen, bis eine deutlich kürzere Überfahrt beispielsweise nach Lorient oder La Rochelle möglich würden. Schlechtes Wetter war in jedem Fall nicht zu erwarten im Sinne von Sturm und Regen. Befürchtet hatte ich zu schwachen Wind und für die Strecke zu kleinen Tank für den Fall der Fälle. Auf jeden Fall hatte ich bereits meine zwei 20-Literkanister zur Reserve mit Diesel gefüllt und an Bord verstaut. Aber eng könnte es dennoch werden, wenn der Wind, wie bisher so häufig, überhaupt nicht mitspielt. Ich war schon proviantiert für die lange Strecke, hatte die Nacht vor Anker in einer dazu geeigneten Bucht gelegen, als mich nach der Abfahrt sowohl der Erik aus Hamburg, als auch der Jörg aus München nach kurz einander anriefen und mich dazu ermutigten, mein Vorhaben doch durchzuführen, weil sich die Wetterlage insgesamt doch als gut geeignet darstellte. Ich brauchte nicht sehr lange, um mich umstimmen zu lassen, legte den direkten, nordöstlichen Kurs quer über die Biskaya an und fuhr nicht weiter nach Osten. Ich danke ausdrücklich beiden Freunden für Ihre mentale Begleitung meiner Reise, die mir immer wieder sehr geholfen hat. So auch in den letzten Tagen.

Die Ungeduld vor der größten von mir bisher einhand gesegelten Strecke war schon mehrere Tage lang groß. Natürlich schwang dabei aber auch die Ungewissheit bei einem Gang in Neuland mit. Es überwog aber sehr schnell die Bereitschaft und die Vorfreude an einem neuen Abenteuer, welches eigentlich gar nicht so anders ist als die, welche ich im Verlauf der Reise schon mehrfach erlebt hatte. Dass nun der Sprit im schlechtesten Fall für die gesamte Passage reichen würde, wenn es keinen Wind geben würde, gab den Ausschlag für mein Umdenken. So wurden zunächst die Erwartungen mehr als erfüllt, als ich das erste Drittel der Strecke ohne auch nur einen Liter Kraftstoff zu verbrauchen gefahren war und dadurch die theoretische Sicherheit einer klaren Gewissheit wich. Es gab zwar keinen starken Wind, aber ich nutzte das, was da war und konnte zunächst mit 5 bis 6 und später dann nur noch mit 4 Knoten fahren. Dann geschah der größte denkbare technische Ausfall, indem mein Autopilot nicht mehr zum Arbeiten zu bewegen war. Es war jetzt bereits der dritte Ausfall dieses Gerätes auf meiner Reise. Nun aber waren die Konsequenzen dramatischer.

Diesen Tanker habe ich in 45 km Abstand als AIS- Signal gesehen und ausrechnen können, dass ich ganz knapp vor ihm seine Fahtlinie treffen würde. Also änderte ich nicht meinen Kurs oder die Geschwindigkeit und siehe da: Er fuhr im Abstand von etwa 500 m hinter mir vorbei. Ein wenig mulmig wurde mir aber doch bei diesem „proof of concept“.
Der Hafen von Audierne, in dem neben Yachten Fischreischiffe stationiert sind war heute Abend ein Austragungsort guter Musik in der Öffentlichkeit, wobei offensichtlich ein deutsch-französischer Anlass vorlag, denn es gab auch eine deutschsprachige Ansprache. Der Ort des Geschehens befindet sich am linken Bildrand.
Viele der kleinen Boote liegen im Fluß vor einer Muring, wenn sie denn mit dem niedrigen Wasserstand bei Ebbe zurechtkommen.

Als Einhandsegler benötigt man eine Hand zur eigenen Sicherheit und die andere für das Schiff. Da ein Schiff aber bei einigen Manövern in jedem Fall eine dritte Hand braucht, ist eine „künstliche Hand“ unverzichtbar. Das gilt zum Beispiel bei allen Segelmanövern, da dabei immer zugleich das Segel gehandhabt und zugleich das Schiff in die Windrichtung gefahren werden muss. Beide Handlungen müssen gleichzeitig, aber an einem anderen Ort geschehen. Das gilt unter anderem auch für den Gang auf die Toilette und das Zubereiten von Essen. Während ich mit einem funktionierenden Autopiloten während der Fahrt schlafe, ist das ohne diesen Helfer nicht möglich, denn das Schiff musste dann aufgestoppt und unter Segeln beigelegt oder ohne Segel alternativ frei treibend gelassen werden. Was bedeutet beilegen? Hierbei wird eine normale Wende gesegelt, dabei die Fock aber nicht auf die andere Seite geholt. Nach dem normalen Übergehen des Großbaums entsteht eine zum Wind ausgerichtete, V-förmige Segelkonfiguration, die das Schiff quer zum Wind ausrichtet und dabei sehr stark stabilisiert. Auch bei größeren Wellen liegt es dann sehr ruhig und erlaubt sogar das Bergen von Menschen aus dem Wasser. Wenn man keine Segel gesetzt hat, dann muss man das Schiff treiben lassen. Es folgt dann jeder Welle und wird dadurch unruhig und für die Insassen unkomfortabel. Als „einhändiger“ Einhandsegler ist man beim Verlust des Autopiloten verloren. Bei einer kurzen Tagesfahrt wird es dann nur sehr anstrengend, denn man muss seine ganze Schaffenskraft allein dem Steuern des Schiffes widmen. Es gibt dann eben nichts zu Essen und ein Gang auf die Toilette ist nur möglich, wenn man die Fahrt komplett unterbricht. Am Abend ist dieses Abenteuer dann aber auch wieder zu Ende. Bei Mehrtagesfahrten verlängert sich die Fahrt schon dadurch, dass man zum Schlafen das Schiff ruhig stellen muss und man seinem Ziel nicht näher kommt.

Das manuelle Steuern eines Schiffes wie der Odd@Sea benötigt nicht nur viel Kraft und Aufmerksamkeit, es muss mit voller Konzentration durchgeführt werden. So kann bereits eine kurze Denkpause zu einer spiralartigen Kurve mit wachsender Kurvenbeschleunigung führen, dass man sich nicht mehr auf den Beinen halten kann, weil die Zentrifugalkraft so groß wird, dass man von den Beinen gerissen wird. Die Möglichkeit des Festklemmens des Ruders ist allenfalls in Schleichfahrt für kurze Dauern bis zu einer Minute hilfreich, denn einerseits kann man das Ruder nicht so einstellen, dass das Schiff präzise geradeaus läuft. Das wäre allenfalls Glücksache. Zum anderen wird ein Schiff mit festgeklemmten Ruder nach kurzer Zeit die oben beschriebene Kurve von selbst aufgrund einer kleinen Störung auf dem Ruderblatt einleiten. Da die Klemmeinrichtung mit der Drehung des Steuerrads sich zugleich in einer Drehrichtung des Ruders verstärkt und in der anderen löst, wird sich die letztere die Drehrichtung des Schiffes festlegen, da die Störungen abwechselnd von beiden Seiten auf das Ruderblatt wirken. Ich habe mit dem Ziel, mir mein ungewolltes Schicksal zu erleichtern, viel Zeit gehabt, auf der Fahrt über die Biskaya an einer seilbetriebenen Feststellvorrichtung zu arbeiten und verschiedene Varianten zu erproben. Es wurde mir klar, dass die obige Erklärung zugleich die Erfolglosigkeit jeden Ansatzes in dieser Richtung begründet. Die Feststellvorrichtung kann niemals einen Autopiloten ersetzen!

Als meine Kraft am Abend des ersten Fahrtages völlig zu Ende ging, legte ich die Odd@Sea einfach bei und mich selbst mit der Tageskleidung in die Koje und das mitten in der Biskaya bei einer Wassertiefe von über 4000 Meter. Darüber möchte man gar nicht nachdenken. Das konzentrierte Steuern verbraucht sehr viel mehr Energie als eine abwechselnde Beschäftigung mit mehreren Dingen. Das Steuern ist aber völlig unverzichtbar. Es ist erstaunlich, wie schnell ich in diesem Erschöpfungszustand eingeschlafen bin und wie schnell ich wieder für die Weiterfahrt bereit war. Ich hatte nur etwa 4 Stunden nach einem beinharten Arbeitstag geschlafen. Dann müsste es weiter gehen bis zur nächsten Erschöpfung. Da ich keine Segel mehr gesetzt hatte, da ich diese ohnehin nicht mehr bewegen konnte, stellte ich einfach den Motor ab und überließ das Schiff sich selber auf dem großen und tiefen atlantischen Ozean und legte mich schlafen. Dieses Mal dauerte es mit acht Stunden schon deutlich länger, um wieder einigermaßen fit zu sein. Das nächste Leg war dann das körperlich schlimmste. Als ich gar nicht mehr steuern konnte durchfuhr ich gerade eine Ansammlung von Fischereischiffen. Egal, auch hier ließ ich das Schiff treiben und schlief dann mehr als 12 Stunden. Ein Blick auf die Uhr sagte mir dann, dass ich bei einem sofortigen Aufbruch so früh am Zielort angekommen sein würde, dass ich gegen den Ebbstrom hätte fahren müssen. Folglich drehte ich mich noch einmal um und schlief so richtig bis zur Wiederherstellung meiner Schaffenskraft aus. Danach ging es mir wieder sehr gut. Es war natürlich für mich das erste Mal, dass ich auf dem Meer in einem treibenden Schiff übernachtete und damit ein unglaubliches Erlebnis. Auf der einen Seite das extreme Schaukeln des Schiffs um alle seine Achsen, welches einem das normale Bewegen an Bord unmöglich macht, auf der anderen Seite aber auch der tiefe und aufbauende Schlaf, der schon unmittelbar nach der Einnahme der Ruhelage eintrat. Unglaublich schnell sicher nicht nur wegen der Erschöpfung, sondern auch wegen der Situation auf dem Wasser, dem Alleinsein und der Schaukelei.

Im ersten Satz meines Beitrags sprach ich von dem Gegenteil, welches meines Erachtens in dieser negativen Erfahrung mit der Technik bei gleichzeitigem erleben einer ganz neuen Dimension von Erfahrung, nämlich des Zulassens von neuem und Ungewissem liegt. Während der Nachtfahrt unter dem riesigen und auf dem Meer besonders hellem Sternenhimmel und erstaunlich großen und lange sichtbaren Sternschnuppen war nicht nur ein Hochgefühl wahrzunehmen, sondern ich spürte, dass irgendjemand virtuell hinter mir saß und mir gut zuredete, um mir die Kraft zu geben, mit dieser Situation auf dem Schiff klarzukommen. Dieser „jemand“ existiert natürlich nicht, sondern er scheint ein Spiegel des eigenen Inneren zu sein. Aber ich habe mich trotzdem kurz umgedreht, da ich die Situation, dass ich mich alleine auf einem Schiff mitten auf dem Atlantik befand, in diesem Moment völlig vergessen hatte. Das meine ich mit dem Positiven, welches allem innewohnt.

Nun werde ich wohl einige Tage in diesen augenscheinlich schönen Ort in Frankreich verbringen, um eine Lösung der technischen Probleme an meinem Schiff zu finden und zu realisieren. Ohne diese kommt eine Weiterfahrt aus den gesagten Gründen nicht in Frage. Das abendliche Stadtkonzert bei meiner Ankunft mit guter Life-Musik am Ufer des Flusses in welchem auch der kleine Hafen liegt, in welchem mich ein nettes englisches Seglerehepaar zum Liegen an ihrem Schiff im Päckchen einluden, lädt mich offensichtlich zu diesem Aufenthalt ein. Mal sehen, was kommt.

Zum Abschluss eine Bildsequenz zum Sonnenuntergang über der Biskaya.

Ein Gedanke zu „7.7.2018 Das Meer ruft oder: Was ist der größte anzunehmende Technikausfall für Einhandsegler?“

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