Odd@Sea – Erfahrungen und Schlüsse, die ich daraus ziehe

Bevor ich in diesem Beitrag fachlich werde, zunächst ein paar Informationen zu den weiteren Stationen meiner Reise. Die Fahrt von Barbate nach Cadiz war wieder bestimmt durch den Versuch, hoch am Wind zum Ziel zu gelangen. Um diese Strecke im Tageslicht zu absolvieren, ging das nur mit der Unterstützung des Motors, wenn auch mit nur relativ wenig Leistung. Ich fahre aus Verschleiß- und Verbrauchsgründen nie über 2000 Umdrehungen pro Minute und bleibe damit um 500 U/Min. unter dem Dauermaximum, welches der Hersteller VOLVO angibt. Bei wenig Welle und mäßigem Wind mit etwa 15 Knoten gelang mein Vorhaben und ich konnte durch das Feld der auf Reede liegenden Großschiffe in den Hafen und dort in die nur wenig ausgelastete Marina einlaufen. Das Prinzip, nach dem Höchststand der Flut abzufahren und vor dem Höchststand wieder einzulaufen, hatte sich dabei sehr gut bewährt, denn es unterstützte die Geschwindigkeit zu Beginn und zum Ende der Fahrt erheblich. Von Cadiz aus ging es weiter nach Mazagon, einer sehr schönen Marina an der Mündung des Rio Tinto und der letzten Station in Spanien. Ich brauche es eigentlich nicht mehr zu erwähnen, aber der an diesem Tag stärkere Nordwestwind lag natürlich wieder fast genau auf meinem Kurs. Zunächst konnte ich noch hoch am Wind mit Unterstützung der Segel und später dann gegen den Wind nur noch mit Motorkraft das Ziel erreichen. So langsam kam Frustration bezüglich der seltenen Perioden auf, in denen ich einmal den Motor abschalten und die Ruhe des reinen Segelns genießen konnte. Zur nächsten Station Tavira, einem Naturhafen im Binnenbereich war ein Westkurs angesagt und der nicht ganz so starke Wind wie am Vortag gab sich die Ehre und eröffnete mir für etwa die Hälfte der Strecke die Möglichkeit hoch am Wind mit Unterstützung sämtlicher Segel zu fahren. Das wäre dann aber wieder zu langsam gewesen, sodass ich auch hier den Motor benutzen musste. In Tavira fuhr ich aufgrund der Flut mit großer Rückenströmung in die Flussmündung ein und war von Anfang an erstaunt über die vielen Boote, die dort ankerten. Mehrere Flussverzweigungen boten sich zum Ankern an, wobei einige mit Tonnen ausgewiesene Fahrrinnen aufwiesen. Erstaunlich war für mich, der aus einem relativ stark regulierten und auch relativ disziplinierten Land kommt, dass sehr viele der kleineren Boote an Moorings lagen, die in der Mitte der Fahrrinne verankert sind. Die größeren Fischerboote rasten förmlich neben der Fahrrinne an den liegenden Schiffen vorbei, obwohl hier bei Ebbe wenig Wassertiefe zur Verfügung steht. Egal, es scheint auch undiszipliniert zu funktionieren. Ich legte mich jedenfalls neben einigen größeren Segelschiffen so hin, dass ich einen Schwojenkreis neben der Fahrrinne in Anspruch nahm und freute mich auf eine Nacht, die in einem völlig windgeschützten Hafen nicht ruhiger hätte sein können. Ich hatte also Spanien verlassen und bin seitdem in Portugal.

Ein Rückblick auf die Stadt Cadiz und deren dominierenden Hafen. Vorne rechts eine Festungsanlage
… und links kann man eine riesige, den Industriehafen überspannende Brücke erkennen
Diese sog. Kardinaltonne, deren obere Dreiecksanordnung ein südliches Umfahren anordnet, bedeutete für mich, dass ich nach langer Gegenwindfahrt nun hoch an den Wind gehen und damit etwas schneller werden konnte. Vom Schnecken- zum Schildkrötentempo!

Der nächste Tag sollte dann mein Waterloo mit der Odd@Sea werden und den Schlüssel zur Überschrift zu diesem Beitrag begründen. Es war wieder Wind aus der Richtung des Zielkurses West angesagt, dieses Mal etwas mehr als am Vortag. Auf Anraten von Jörg sollte ich vorteilhaft zunächst mit dem Wind von Steuerbord (Rechts – für die Nichtsegler) soweit auf das Meer fahren, dass ein Kreuzschlag nach rechts mit dem Wind von Backbord (Links) mich zum Ziel bringen würde. Ich wollte es genau wissen und folgte diesem Rat so lange, bis ich merkte, dass ich überhaupt keine Strecke in Richtung Ziel, sondern nur in Richtung Süden machte. Nach dem Wechsel auf den anderen Bug benötigte ich für die etwa 20 km Strecke, um an Faro vorbei zu fahren unter Motorkraft mehr als 3 Stunden. Hier kamen der riesige Umweg durch das Kreuzen, der starke Gegenwind und die sich während des Tages zunehmend aufbauende Welle zum Tragen. Es war absolut frustrierend festzustellen, dass mit der Odd@Sea ein Kreuzen vor dem Wind ohne Motorunterstützung schlicht nicht möglich ist und ich fing an, mir Gedanken zur Wahl meines Schiffes zu machen. Zu meiner Enttäuschung kam noch der Umstand hinzu, dass hoch am Wind bei jeweils mehr als 20 Knoten Windgeschwindigkeit jede Welle, die von der Seite kam unter dem Schiff brach und die Gischt sich über mich ergoss, so dass ich an diesem Tag maximal vom Salz des Wassers gepökelt wurde. Der kalte Wind, ich fahre seit Ibiza fast jeden Tag mit derselben Kleidung, wie ich sie im Winter in Osteuropa getragen hatte, sowie die hohe, steile und von schräg vorne kommende Welle gaben mir den Rest, denn ich musste die letzten zwei Stunden das Schiff mit der Hand steuern, da der Autopilot mit diesen Wellenkonditionen hoch am Wind nicht zurecht kommt und immer wieder den Kurs verlor. Nach der Ankunft in dem wunderschönen und ruhigen Hafen von Albufeira, der nach der Passage eines von den Fischern genutzten Vorhafens weit im Landesinneren durch einen schmalen Kanal zu erreichen war, war ich so fertig, dass ich mich sofort in die Koje legte um die große Anstrengung des Tages wieder zu kompensieren. Ein Tag Ruhe auf Anraten von Jörg folgte.

Albufeira – hier der Vorhafen mit vor Anker liegenden kleinen Booten und der Beginn des Kanals, der in die Marina führt
… wie an der gesamten Algarve besteht das Ufer aus makellosen Stränden und Steilküste, so auch der Vorhafen von Albufeira
Das Ende des Kanals ist zugleich der Anfang der gut belegten Marina mit einer Werft (links) und einer Kette von Läden, Bars und Restaurants (rechts)
Inmitten dieses Gewirrs von Schiffen steht die Odd@Sea
… und am hinteren Rand des Hafens gibt es ein Gerüst für wagemutige Bungy-Springer und -innen

Nun zum Thema des eigentlichen Blogbeitrags. Ich schicke voraus, dass ich mich auf der Odd@Sea als Bewohner und als Skipper absolut sicher und wohl fühle. Wir haben mittlerweile so viel miteinander erlebt, dass wir uns gut verstehen. Die Erfahrungen der letzten Zeit, in der mich meine selbst gewählte Fahrstrecke immer wieder gegen den vorherrschenden Wind fahren ließ, ließen mich nun ein wenig zweifeln, ob die OVNI 365 das richtige Schiff für mich sei. Ich stelle deshalb voran, dass sie es immer noch ist. Ich bekomme von vielen erfahrenen Seglern immer wieder den Rat, dass ich mit einem Segelschiff kreuzender Weise auch gegen die Windrichtung gut voran kommen sollte. Das ist segeltheoretisch natürlich richtig, für die Praxis allerdings etwas kurz gegriffen, denn hier spielen auch konstruktionsbedingte Merkmale eine Rolle. Anders als die ranken Fahrtenschiffe mit großen Kielen, egal ob tief und kurz oder lang und flacher, und geringem Gewicht, die ohne Zweifel auch in einer Regatta gut abschneiden würden, hat mein Schiff Qualitäten, die es zu einem sehr sicheren und aufgrund des Baumaterials Aluminium stabilen Hochseeschiff machen, welches darüber hinaus auch noch komfortabel, einhandfähig und aufgrund des variablen Tiefgangs vielseitig einsetzbar ist, das allerdings auch seine Nachteile aufweist. Wenig Richtungsstabilität aufgrund des flächenmäßig kleinen Schwerts und ein relativ großes Gewicht stehen auf der anderen Seite. Dazu kommt noch der breite und relativ flache Rumpf, der bei Schräganströmung in der Welle zur Gischterzeugung an Deck neigt. Ich möchte es einmal übertrieben ausdrücken, um klar auszudrücken, was ich meine: Eine Kogge konnte bereits im frühen Mittelalter hervorragend im Passat, also mit vornehmlich achterlichem Wind die Weltmeere befahren. Hoch am Wind ging damit garnichts. Bei Amwindkursen wurde es bereits knapp, denn es konnte dabei keine große Geschwindigkeit gefahren werden. Die bauliche Merkmle der Odd@Sea sorgen dafür, dass ein Fahren hoch am Wind die Geschwindigkeit so stark verringert, dass aufgrund der geringen Lateralfläche unter Wasser die Abdrift übermäßig groß wird. Das ist der Grund dafür, dass ich nur mit der Unterstützung des Motors noch halbwegs hoch am Wind voran komme, wobei ich dennoch relativ stark nach Lee vom Sollkurs abgetrieben werde. Dieser Nachteil wird zum Vorteil bei einem Sturm, denn mit hochgezogenem Schwert krängt das Schiff so gut wie garnicht, sondern „rutscht“ aufgrund der geringen Lateralfläche mit dem Wind auf dem Wasser seitlich weg. Dass die Odd@Sea sehr aufrecht segelt, habe ich schon bei den ersten Fahrten mit Vergnügen festgestellt. Am Wind und mit raumen Wind, also Wind von schräg hinten, geht sie richtig gut ab und man spürt sehr gut, dass sie dafür eigentlich ausgelegt ist. Das zeigt auch ein entsprechendes Erlebnis bei der gemeinsamen Nachtfahrt mit Jörg um den Peleponnes im Frühjahr, wo bis zu 9 Knoten unter diesen Bedingungen erreicht wurden. Die Odd@Sea ist also ein Schiff für den Passat, also ganz nach dem Motto: Der Gentleman fährt nicht hoch am Wind, sondern aufrecht mit raumen Wind, um eine angenehme und schnelle Passage zu erleben. Er muss dann allerdings manchmal auch etwas länger auf diese Konditionen warten.

Ein zweiter Punkt, der die Fahrt mit der Odd@Sea etwas beschwerlich macht, hat etwas mit deren Gewicht zu tun. Bei Wellenhöhen von mehr als einem halben Meter führt jedes Stampfen, also das Eintauchen in eine steilere Welle mit dem Bug, unweigerlich zum Verlust von Fahrt. Bei einer leichten Jacht wird diese Fahrt aufgrund des Vortriebs wieder schnell und noch vor dem Auftreten der nächsten Welle aufgebaut. Bei einem schwereren Schiff dauert dieser Prozess etwas länger, zumeist ist die Fahrt vor dem Eintauchen in die nächste Welle noch nicht wieder aufgebaut, da die Beschleunigung bei etwa gleicher Motorisierung geringer ist. In der Folge kann im Mittel die Nominalfahrt nicht erreicht werden. Allein durch eine ungünstige Wellenformation, die vornehmlich in flacheren Gewässern auftritt, in denen kurze und steile Wellen auftreten, kommt die Odd@Sea manchmal mit 2000 U/min nur auf Geschwindigkeiten unter 4 Knoten, obwohl nominal bei ruhiger See eine Geschwindigkeit von 5,5 Knoten erreicht wird. Die Qualität und Richtung der Welle und des Windes relativ zum Kurs sind also entscheidend für die Fahrt, die erreicht werden kann, mit und ohne Motor. Auch hierbei hat die Odd@Sea einen Nachteil gegenüber leichteren Schiffen, die allerding nicht die Seegängigkeit aufweisen. Wie das nun individuell zu bewerten ist, kann ich nicht sagen. Ich fühle mich trotz der Nachteile sehr wohl auf meinem Schiff und genieße letztlich jeden Tag auf See, auch wenn er manchmal anstrengend ist, und habe deshalb eine eher herzliche Verbindung zu ihm aufgebaut. Die sachlich richtigen Kritiken an meiner Fahrweise mit dem großen Anteil an Motorlaufzeit nehme ich deshalb gerne zur Kenntnis, meine Fahrtaktik halte ich aus den genannten Gründen allerdings für richtig und relativ erfolgreich. Richtig glücklich machen würden mich allerdings achterliche Winde von 15 bis 20 Knoten. Dann wird mein Schiff richtig schnell.

Die Odd@Sea lässt sich hervorragend trimmen für jeden fahrbaren Windwinkel. Wenn der Autopilot, wie ich es oben bemerkte, nicht die Kontrolle über den Kurs behalten kann, dann liegt es an der Wellenrichtung und nicht an den Windverhältnissen. Ich hatte in einem der letzten Beiträge über die Wirkung eines unbalancierten Ruders gesprochen, wie es die OVNI 365 hat. Kommt diese von schräg hinten, dann fährt das Schiff bei freiem Ruder einen Schlingerkurs, hält dabei im Mittel aber die Richtung bei. Eine einzige sehr große Welle kann es jedoch zum Drehen bringen, was auch manuell nur mit einem sehr großem Kraftaufwand am Steuer zu bereinigen wäre. Da hat dann ein Autopilot auch bei einer neutral getrimmten Segelstellung kaum eine Chance.

Ich bitte um Verständnis dafür, dass mein Beitrag dieses Mal sehr theoretisch ausgefallen ist. Ich benötigte diese Gedanken, um mit klar darüber zu werden, dass die Odd@Sea, bei allen Nachteilen die sie hat, genau das richtige Schiff für mich ist, da diesen Nachteilen entsprechende Vorteile an anderer und für mich ebenso wichtiger Stelle gegenüber stehen. Ich werde mich also in Zukunft besser auf ihre Möglichkeiten einstellen, wenn ich meine Ziele plane. Etwas von ihr zu verlangen, was sie nicht kann, ist, auch wenn Beobachter meines Abenteuers dieses anders sehen, nicht zielführend. Alles geht also weiter wie bisher und ich bitte um Verständnis, dass ich dieses Thema einmal in einer größeren Ausführlichkeit angesprochen habe.

2 Gedanken zu „Odd@Sea – Erfahrungen und Schlüsse, die ich daraus ziehe“

  1. Lieber Jürgen,
    wow, Dein Frust kommt in dem Blogbeitrag gut durch. Halt die Ohren steif: Ich durfte die Odd@sea ja im Mai mit Dir segeln: Du weisst wie ich mit ihr gekämpft habe und als Regattasegler auch den ein oder anderen Fluch nicht unterdrücken konnte. Bestens erinnere ich mich an unsere Rückfahrt nach Ibiza-Stadt wo wir (vergleichbar zu Deiner Schilderung) mit dem Holeschlag nicht weiter gekommen sind, im Gegenteil eher Strecke verloren haben. Auch da haben wir dann den Motor auf der letzten Meile angeschmissen und sind gegenan in die Bucht eingefahren. Für einen Segler super frustrierend.
    ABER: Für Deine Pläne ist die Odd@Sea nicht nur ein super Boot, sondern geradezu ideal. Extrem sicher, zuverlässig und eben für lange Fahrten ausgelegt. Rumpf und Schwert erlauben Dir, Gewässer zu segeln und in Spähren vor zu stossen, die Du mit einem Kielboot nie erkunden kannst.
    Auch wenn Sie sich manchmal wie eine Kuh segelt: Du kannst Deinem Boot zu 100% vertrauen.
    Ich hoffe, es klappt, dass wir bald wieder ein Stück zusammmen auf der Odd@Sea segeln.
    Liebe Grüße
    Guido

  2. Hallo Jürgen, mir gefällt sehr was und wie Du schreibst. Und gerade auch bei solchen „konstruktivistischen“ und strategischen Erwägungen kann ein Binnensegler wie ich was vom richtigen Leben lernen. Interessant, wie Du die Gemengelage zwischen Wetterbedingungen, in den Kopf gesetztem Kurs, diesbezüglichen Stärken und Schwächen des Materials verarbeitest und ganz offensichtlich zu einem für dich passenden Gesamterlebnis formen kannst. Danke, dass Du Dich bei deinen Beschreibungen nicht auf touristische Attraktionen und Wegbeschreibungen beschränkst sondern uns immer wieder an Deinem Erlebnis so direkt teilhaben lässt. Viel Spaß und viel Glück weiterhin!

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