20.3.2020 Tage der Quarantäne in Les Sables d´Olonne

Zunächst das Wichtigste: Ich lebe noch und bin auch gesund. Auch komme ich mit der Situation der Ausgangssperre sehr gut klar, wenn ich von der zuweilen auftretenden Langeweile einmal absehe.

Ich befinde mich in einer unwirklichen Welt, die mich umgibt hier in meiner Blechbüchse. Es gibt nur sehr wenige Menschen im Hafen und auf den Straßen außerhalb. Die Menschen nehmen es wirklich sehr ernst mit der Ausgangssperre. Diese außergewöhnliche Disziplin der Bevölkerung bezieht sich auch auf die erlaubten Gänge zu Lebensmittelgeschäften, Arztpraxen und Apotheken. Überall werden nur wenige Personen gleichzeitig in diese Orte hineingelassen. Es stehen dazu Uniformierte vor den Einlässen, denen Anweisungen ohne zu murren und diskutieren befolgt werden. Die Warteschlangen sind sehr lang, denn es werden sehr diszipliniert etwa 2 Meter Abstand eingehalten. Atemmasken sieht man nur sehr selten. Was zu Beginn noch nicht zu bemerken war, ist jetzt in den letzten Tagen etwas deutlicher geworden: Nachschubprobleme gib es ausschließlich bei Desinfizierungsmitteln, Klopapier und Nudeln. Es ist surreal. Ansonsten ist der Nachschub absolut gesichert. Ich verbinde diese positive Erfahrung mit den Menschen mit der französischen Tradition, in der die Fraternité, also die Brüderlichkeit eine sehr große und in der Verfassung definierte Rolle spielt und auch offensichtlich auch wirklich gelebt wird.

Für mich kann eigentlich niemand sagen, welchen Status ich als Ausländer hier habe. Der Hafen ist, wie alle anderen städtischen Dienstleister, geschlossen. Das betrifft auch die Sanitäranlagen, also Duschen und Toiletten, die zurzeit geschlossen sind. Das ist zwar ungewöhnlich, aber kein wirkliches Problem. Die Fische im Hafen werden sich über diese Lage freuen. Was noch nicht geklärt ist, betrifft die postalische Erreichbarkeit, denn das Hafenbüro ist ebenfalls geschlossen. Da ich dringend eine neue VISA-Karte benötige, stehe ich ein wenig auf dem Schlauch. Ich musste meine alte Karte wegen vermutetem Missbrauch auf Anraten meiner Bank sperren lassen. Ich habe zwar zuvor zur Sicherheit einen größeren Betrag an einem Automaten abgehoben, wie lange es bis zur Zustellung der Karte allerdings dauert, steht in den Sternen. Na ja, wenn es weiter nichts ist!

Wenn ich meine inzwischen auf fast 22 GByte angewachsene Rock´n´Roll-Sammlung nicht hätte, dann stünde es wahrlich schlecht um mich. Die Musik ist quasi mein Lebenselixier in dieser Zeit, sie läuft durch, wenn ich nicht gerade schlafe. Gott sei Dank, dass er mich mit einem hervorragenden Schlaf beschenkt hat.

Ein wenig Abwechslung hatte ich zwei Tage zuvor: Ich hatte einen Termin für eine Liegezeit auf dem Trockenen in der benachbarten Werft bekommen und habe die Odd@Sea um kurz vor 16.00 Uhr von meinem Liegeplatz zum Kran gefahren. Dort wurde mein Schiff mit einem riesigen selbstfahrend-ferngesteuerten Portalkran an einen freien Stellplatz verbracht und dort auf zwei Böcke abgelegt. Der Zustand war sehr viel besser als ich ihn bei der letzten Säuberung in Finkenwerder erlebt hatte. Damals hing flächendeckend eine etwa 5 cm tiefe Schicht grüner Bewuchs an einer wirklich dicken Pockenschicht.

Man gab mir einen großen Spachtel und einen sehr leistungsfähigen Kärcher und los ging es. Ohne Pause habe ich das Unterwasserschiff bis zum Sonnenuntergang fertig gereinigt und danach mir selbst vor dem Schlafengehen an Bord die Frage beantwortet, ob ich am nächsten Tag noch Anti-Fouling auftragen werde. Mein ökologisches Herz gab mir die Antwort: Nein. Ich werde lieber jedes Jahr den Rumpf einmal mechanisch reinigen, als einen Beitrag zur Verseuchung der Meere beizutragen. Also brauchte ich nur noch die verloren gegangene Wellenanode ersetzen und mein Aufenthalt auf dem Land war wieder vorbei. Es erfüllte mich mit Stolz, dass ich diese körperlich schwere Arbeit ohne jede Pause in dieser kurzen Zeit alleine habe durchführen können, ohne davon einen Muskelkater zu bekommen. Allerdings habe ich danach geschlafen wie ein Stein.

Eine kleine Anmerkung möchte ich an dieser Stelle noch gerne machen: Ich verbringe mit sehr wenig Ausnahmen meine gesamte Lebenszeit seit meiner Anfahrt in Berlin vor fast drei Jahren an Bord auf dem Wasser. Was ich jetzt bemerken müsste ist, dass ich auf dem an Land stehenden Schiff Probleme mit dem Stehen und Laufen an Bord habe. Ich drohe immer wieder, das Gleichgewicht zu verlieren und „auf die Schnauze“ zu fallen. Ich bewege mich hier auf jeden Fall unsicherer, als wenn das Schiff im Wasser liegt. Da übernimmt offenbar das vegetative Nervensystem diese Aufgabe ohne mich mit dieser Aufgabe zu belästigen.

Ich wurde mit meinem Schiff noch am Vormittag wieder ins Wasser gelassen und bemerkte in diesem Moment, dass ich ja eigentlich diese gesamte Aktion für mich und den Blog mit Aufnahmen dokumentieren wollte. Die Aktion hatte mich allerdings inhaltlich so stark körperlich und mental absorbiert, dass dieses mir leider zu spät eingefallen ist. Schnell schoss ich bei der Abfahrt noch zwei Bilder, welche die beeindruckende Größe der Krananlage zu zeigen vermögen. Ihr könnt sicher sein, dass mir dieser Lapsus sehr peinlich ist.

Das Bild entstand bei etwa dreiviertel Tide, die Kammer ist bei Ebbe noch viel gewaltiger, fast bedrohlich
Hier ist der gigantische ferngesteuerte Portalkran zu erkennen, der mich und die Odd@Sea an den Liegeplatz auf dem Trockenen gebracht hat. Links davon ist noch ein Slip zu erkennen, der allerdings von der Werft nicht benutzt wird. Es steht wohl den Vereinen zur Verfügung.

Bemerkenswert ist dazu noch, dass mit dem Sonnenuntergang ein Uniformierter die Tore der Werft mit der Bemerkung geschlossen hat, dass der Hafen und die Werft geschlossen ist und auch bleiben wird. Auf meine Bemerkung, dass ich womöglich die Werft verlassen können sollte, z.B. um zur Toilette zu gehen, zuckte dieser Herr die Achseln, verriet mir aber eine Stelle, wo der Zaun ein Loch hat, welches für mich mit meinem Fahrrad groß genug sei. Das nenne ich eine adäquate Problemlösung unter Anwendung des gesunden Menschenverstands.

Wie lange der Spuk mit dem Corona Virus noch dauern wird, weiß wohl niemand. Zum Glück liege ich in einem sehr sicheren Hafen. Trotzdem wird es für mich irgendwann wieder Zeit, die Leinen zu lösen. Dazu benötige ich aber die Erlaubnis der Hafenverwaltung. Es braucht dazu aber noch die wohlwollende Einflussnahme des lieben Gotts. Ich setze darauf.

2 Gedanken zu „20.3.2020 Tage der Quarantäne in Les Sables d´Olonne“

  1. Lieber Jürgen , wir sind jetzt Alle alleine , und wären lieber bei Dir auf dem Schiff als in Berlin mit Kontaktsperre …
    Jetzt kann ich endlich mal in Ruhe lesen , wie es Dir und Deinem ökologischen Herzen so ergangen ist . Willst Du eigentlich nachher ein Buch draus machen aus all den tollen Begenungen und Erlebnissen ?? …. Willst Du, falls Du mal wieder da bist ,von Markus Lanz eingeladen werden ????
    Ich habe jetzt Zeit und kann mich um Vieles kümmern …
    Sonnige Grüße
    und eine wunderschöne Zeit …. und hoffentlich bald wieder schönste Kontakte …
    Jule

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