12.6.2018 Eine Auszeit in Cascais bei Lissabon

Es war geplant, dass ich ein Paket aus Deutschland mit der neuesten Ausgabe dea „Reeds“, einem Handbuch mit allen wichtigen nautischen Informationen für die westeuropäische Atlantikküste, in die Marina von Cascais, etwa 20 km von Lisboa (landessprachlich für Lissabon) entfernt geschickt bekommen werde. Mein langjähriger Freund aus Industriezeiten und nautischer Mentor Erik aus Hamburg hat die Übersendung des Buches veranlasst und ich danke ihm an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich dafür. Dass die Fahrt dorthin so schnell erfolgen konnte, dass ich hier jetzt bereits einige Tage im Hafen liege, lag an dem günstigen Wetterfenster, welches mir die Passage von Albufeira über Sines und einem Ankerplatz am südwestlichstem Kap Europas in drei Tagen erlaubte. Günstig bedeutete in diesem Fall lediglich, dass es keinen starken Nordwind gab, nicht jedoch idealen Segelwind, der eher aus süd- bis südwestlichen Richtungen gekommen wäre. An jedem Tag ging es nur so extrem hoch am Wind voran, dass ich ganz ohne eine kleine Motorunterstützung nicht so schnell vorangekommen wäre, dass ich jeweils vor Sonnenuntergang am Tagesziel angekommen wäre. Egal, es waren wirklich entspannende Tage, denn der Wind war stets sehr gleichmäßig und die Wellen zwar sehr hoch, aber auch sehr strukturiert langwellig. Das bedeutet, dass zwar beängstigend gewaltige Wassermassen auf einen zukommen, die aber das Schiff lediglich sehr ruhig und langsam auf und ab bewegen und nicht, wie es bisher eher der Fall war, einem das Bewegen an Bord schwer machten. In der Praxis bedeutete das, dass nach der Ausrichtung auf den Zielkurs und dem optimalen Austrimmen der Segel nur noch die Zeit abgewartet werden musste, bis sich das Schiff der Hafeneinfahrt näherte. In der Zwischenzeit konnte es sich der Skipper auf einer Matratze in der Plicht bequem machen und etwa jede Stunde einmal Ausschau halten, ob da etwas Interessantes zu sehen war. Verkehr gab es jedenfalls keinen, aber zuweilen eine kleine Delfinschule und ab und zu einen kleine Regenschauer. Leider musste ich, seitdem ich durch die Meerenge von Gibraltar gefahren bin, auf die stets sonnigen Verhältnisse sowie die sommerlichen Temperaturen des Mittelmeers komplett verzichten. Nachts ist es mit etwa 15 °C noch sehr angenehm zum Schlafen, tagsüber mit etwa 20°C unter Berücksichtigung des Windes auf dem Meer aber ziemlich kalt. Bei Fahrten mit teilweise mehr als 10 Stunden wird man dadurch einigermaßen müde und kann nach dem Abendessen nur noch rasch in die Koje kriechen. Das Bimini ist jedenfalls seit zwei Wochen verstaut. Die Post ist bisher in Cascais noch nicht angekommen, das Wetter zum Weiterfahren aber auch nicht günstig, denn es herrscht starker Nordwind. Neben dem Warten auf die Post ist also auch hier wieder Warten auf ein günstiges Wetterfenster angesagt.

So unspektakulär sieht der südwestlichste Punkt Europas aus: Ein Leuchtturm über einer Steilküste, die allerdings eine sehr ausgeprägte schräge Oberlächentextur aufweist.

Nun habe ich meine Leinen in Cascais festgemacht, einer sehr gut organisierten Marina mit äußerst zuvorkommenden und freundlichen Menschen, die hier, im Gegensatz zu denen in den Ländern, die ich bisher bereist habe, fast durchweg ein sehr gutes Englisch sprechen. Was macht man, wenn man auf Post wartet? Man kümmert sich um das Schiff und dessen Kombüse. Ölwechsel, kleinere Reparaturen, die Kajüte putzen und Lebensmittel einkaufen sind die Tätigkeiten, die einen den Tag über beschäftigen. Natürlich stand bereits am ersten Tag ein Besuch der Hauptstadt Portugals auch auf dem Programm. Cascais hat den Status eines Vorortes von Lissabon und ist an das Schnellbahnnetz angeschlossen, sodass man mit wenig Geld sehr schnell in das Stadtzentrum gelangen kann. Es ist schon eine atemberaubend schöne Stadt, die ich dort kennen gelernt habe. Wenn ich mir eine unbekannte Stadt anschaue, dann habe ich keine speziellen Ziele, sondern lasse mich einfach von meinen Eindrücken treiben. Diese Strategie führt mich dann meistens in die Ecken, in die ein Tourist normalerweise nicht kommt, dort wo die Menschen leben, dort wo keine touristischen Brennpunkte sind. Hier aber kann man die Unterschiede zwischen den Städten aus meiner Sicht am besten erkennen. Mich hat am deutlichsten beeindruckt, dass es eine plausible Symbiose zwischen alter und neuer Architektur in dieser Stadt gibt, die neben sehr alten Häusern und wunderschönen kleinen Parks mit seltenen und teilweise kuriosen Bäumen auch sehr viele staatliche Museen in auffallend schönen modernen Gebäuden beherbergt. Lisboa scheint darüber hinaus auch eine Stadt der Künste zu sein, denn es reihen sich Ateliers jeder Größe in manchen kleinen Straßen in einer Anzahl, wie ich sie noch nirgends gesehen habe, aneinander und es spielen zahlreiche Künstlergruppen insbesondere an den touristischen Schwerpunkten auf offener Straße, farbenfroh und meist mit musikalischer Untermalung.

Dieses Verkehrsmittel bestimmt das Bild der Innenstadt von Lissabon
Die engen Straßen in Lisboa´s Innenstadt sind steil, sehr steil. Ohne Treppen auf und ab wäre ein Bewegen in dieser Stadt nicht möglich. Fahrzeuge haben hier keinen Platz.
… und wenn doch, dann wird es sehr eng
Dafür gibt es allerdings die vielen Straßenbahnen, die jede Steigung ohne Probleme nehmen
Auch in dieser Straße würde jedes geparkte Auto den Verkehr völlig lahmlegen
… und auch hier hat die Straßenbahn absolute Vorfahrt
Steil geht es auf und ab in fast jeder Straße. Hier ganz ohne Autoverkehr. Man fragt sich als Fremder, wo denn die Einheimischen überhaupt ihre Autos lassen. Im Untergrund oder ausserhalb der Stadt? Ich habe jedenfalls keine Antwort gefunden.
Der berühmte Aufzug zur Oberstadt inmitten der Innenstadt. Eine sehr alte, aber spektuläre Metallkonstruktion.
In der medernen Innenstadt ist viel los
… und das betrifft nicht nur die Touristen. Hier ist das Leben in einer der zentralen autofreien Straße zu sehen, in der man Läden sämtlicher bekannten Handelsmarken finden kann
… und deren Ende durch ein repräsentatives Tor gesetzt wird
… vor dem auch noch ein Reiterdenkmal steht
… welches von einem Ring mit repräsentativen Geschäftshäusern umgeben ist.
Ein Künstler hat am Stadtstrand Skulpturen aus Sand gefertigt. Im Hintergrund die Europabrücke, welche die Bucht von Lisboa überspannt. Eine der größten Brücken Europas.
Ein anderer Künstler nutzt die Steine der Bucht, um Skulpturen daraus herzustellen, die keinem Erdbeben standhalten würden.
Als ich dort war,fand gerade ein Kulturfest in Lisboa statt, bei dem eine Gesangsgruppe mit modernen Musikstücken auftrat. Mit dem kleinen „Ronaldo“ vorne links durfte ich ein paar Kicks mit dem Fußball spielen.
So sieht die Küste gleich neben der Marina Cascais aus: Nach Osten ein weiter, wunderschöner Sandstrand und nach Westen, wie hier zu sehen ist, eine spektakulär schroffe Steilküste

Wann ich meine Fahrt in Richtung Norden weiterführen werde, kann ich heute noch nicht sagen, denn es bahnt sich bisher noch kein Wetterwechsel an. Bis dahin werde ich jedenfalls mein Leben in diesem wunderschönen Land mit seinen sehr liebenswerten Menschen weiter genießen und erst wieder einen Beitrag liefern, wenn ich genügend Material dazu gesammelt habe. Ich bitte um Verständnis.

Ein Gedanke zu „12.6.2018 Eine Auszeit in Cascais bei Lissabon“

  1. Lieber Jürgen,
    Mit grossem Interesse verfolge ich aus der Ferne Deine Reiseerlebnisse und Eindrücke. Die Windrichtung für Deine Position kenne ich aus dem täglichem Studium verschiedener Wetterportale im Rahmen meiner Klimaforschung. Es geht um die Erklärung der häufigen Kaltluftausbrüche und Kapriolen des Jetstreams.
    Für diesen Sommer sehe ich kaum noch eine Möglichkeit, mit Dir mitzukommen. Wenn Du in Hamburg einen längeren Unterbruch machen wirst, würde ich Dich gerne dort besuchen. Mitte August bin ich auf einer Expedition nach Franz Josef Land und im September eventuell eine Woche in USA.
    Nächste Woche habe ich einen ersten Kontakt zur Ausbildung bei Pilatus Aircraft; es geht um den Bau des ultraleichten Emobils durch Azubis, für den innerbetrieblichen Verkehr in der Flugzeugmontage.
    Mit meinen besten Wünschen für baldige Winde aus Sektor West bis Süd.
    Herzlich Walter

Schreibe einen Kommentar zu Walter Janach Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.