25.5.2018 Eine erholsame Fahrt wegen einer Wetterkonfusion bzw. einer Wetterkapriole

Das Wetterfenster mit einem für den Westkurs geeigneten Wind, von Süd- über Ost- bis Nordwind ist alles geeignet, sollte sich gestern eingestellt haben. So startete ich um 9:00 Uhr in Almerimar in Richtung Westen. Zunächst sah es so aus, als ob die Prognose Südost stimmte, denn der Wind kam tatsächlich sehr schwach aus dieser Richtung, um nach etwa einer Stunde Fahrt über Ost nach Südwesten zu drehen. Da er dabei stärker wurde, habe ich alle meine Segel herausgeholt und es gelang gerade so, extrem hoch am Wind etwas die Motorfahrt zu unterstützen. Dieses Vergnügen, bei absolut glatter Wasseroberfläche und nur kleinen Flecken mit einer windbedingten Kräuselung, dauerte allerdings nicht lange. Dann entschied sich der Wind wieder für sein so häufig eingesetztes Programm: Er drehte nach Westen und frischte sehr gut auf. Allerdings war das die einzige Richtung, die ich nicht gebrauchen konnte. Wie der Wetterbericht so daneben liegen konnte, ist mir schleierhaft, denn er prognostizierte eher einen sehr starken Wind aus Ost für den Vormittag, der später allerdings abnehmen sollte. Ich versprach mir davon eine Rauschefahrt Richtung Malaga (über 7 Knoten) und stellte Überlegungen an, wie und wann ich denn die Segel reffen müsste, wenn der Wind zu heftig würde. Es ist schade, aber die Fahrt war dennoch ein Genuss, der in einer Ankerbucht in der Nähe des Hafens von Berengueles mit einem üppigen Nachtmal (Blumenkohl mit Kartoffeln und holländischer Sauce) endete. Apropos Kartoffeln. Ich musste zu meinem Leidwesen während meiner gesamten Fahrt um das halbe Europa feststellen, dass es in keinem Land auf normalen Märkten der in großen oder kleinen Geschäften Kartoffeln in auch nur vergleichsweise derselben Qualität gibt, wie bei uns in Deutschland und Österreich. Die Palette reicht von geschmacklos über zahlreiche Fehlstellen bis hin zur vollständigen Ungenießbarkeit wegen Fäule. Ich bin, da diese Frucht zu meinem Lieblingsgemüse gehört, dem alten Fritz für seine Weitsichtigkeit bei seiner „Zwangsverordnung“ für die preußische Bevölkerung sehr dankbar und muss immer daran denken, wenn ich unterwegs immer wieder nur schlechte Ware bekomme. Egal, dann muss eben gewürzt werden, um zumindest die geschmacklichen Schwächen zu kaschieren. Die vielen schlechten Stellen müssen sowieso herausgeschnitten werden. Da bleibt manchmal nur wenig übrig.

Der Jörg wollte wissen, was ich unter fahren in Öl verstehe. Hier eine Aufnahme der Wasseroberfläche bei der gestern vorherrschenden absoluten Windstille
Hier der typische Küstenanblick im Süden Spaniens: Hinten die schneebedeckte Sierra Nevada, darunter weiße Plastikfolien so weit das Auge reicht, darunter eine unendlich lange Kette von Hotels, davor der unendlich lange Sandstrand und letztlich das Meer.
Wieder eine traumhafte Ankerbucht unmittelbar vor den Felsen
… und einem kleinen Sandstrand
… und auf der anderen Seite lebt es sich auch ganz gut.

 

Heute ging es dann weiter zum Ankern vor der Hafeneinfahrt von Fuengirola. Es war hierbei allerdings klar, dass der Wind die gesamte Fahrzeit über aus meiner Fahrtrichtung kommen würde, dabei aber so schwach sein würde, dass beim Kreuzen gegen den Wind viel zu wenig Geschwindigkeit herauszuholen sein würde, um die Strecke zum Ziel vor dem Sonnenuntergang zu schaffen. So blieb es gegen den Wind nur bei zwei kurzen Versuchen, hoch am Wind auf Kurs voranzukommen. Beide Versuche endeten enttäuschend. Letztlich frischte der Wind erst zur Ankunft etwa 10 km vor meiner Ankerbucht auf die sehnlich erwarteten 15 Knoten auf, als ich ihn nicht mehr nutzen konnte und mich bereits um die Zubereitung meines Abendessens kümmerte. Die Bucht ist sowohl gegen den zu erwartenden stärkeren Wind in der Nacht, als auch gegen den Schwell des Tageswindes geschützt, sodass ich eine ruhige Nacht erwarte.

Heute liege ich vor der Einfahrt zu einem Hafen
… der zur Ortschaft hin einen sehr schönen Sandstrand hat. Die Sonne ist gerade unter gegangen.

Zum Ankern, welches ich wie heute sehr häufig für das Übernachten nutze, möchte ich ein paar Erläuterungen geben, denn es scheint ziemlich abenteuerlich zu sein, mit einem Schiff an einer unbekannten Stelle und bei nicht sicheren Wetterprognosen den Anker zu werfen und die Nacht in aller Ruhe zu verbringen. Mal ganz davon abgesehen, dass dieses mitten in der Natur und meistens an Stellen geschieht, an denen sich kein Mensch weit und breit aufhält, es nachts pechschwarz ist und nur eventuell die Geräusche der nahen Brandung am Ufer oder des Schiffs im Schwell des Wassers zu hören ist. Dieses Szenario der absoluten Autarkie ist für mich das schönste, was ich mir beim Fahrtensegeln vorstellen kann. Dann ist es natürlich kostenfrei zu haben, was insofern interessant ist, weil die Nacht in einer Marina in der Saison im nachgefragten Mittelmeerraum durchaus auch mal 200 € kosten kann. Allerdings müssen ein paar Dinge beachtet werden, wenn dieses in sicherer Weise geschehen soll. Heute habe ich zum Beispiel drei mögliche Ankerplätze angefahren, bei einem sogar den Anker ausgebracht und wieder verstaut, um letztlich den dritten Platz zu verwenden. Es gibt vier wesentliche Aspekte bei der Auswahl eines geeigneten Platzes: Zum einen muss das Wasser im gesamten Bereich, in welchem sich das Schiff rund um den Anker aufhalten könnte, tief genug sein. Zweitens muss der Ankergrund einem Anker genügend Griff geben, was in der Regel bei Sand der Fall ist. Dieses muss allerdings unbedingt durch eine Ankerprobe getestet werden. Hierbei wird der Anker durch ein kurzes Rückwärtsfahren unter Vollgas belastet. Das Schiff darf sich dabei nicht bewegen. Drittens sollte der Ankerplatz gegenüber dem Schwell, also der anrollenden Wellen, durch eine Landmasse abgeschattet sein, um ein ruhiges Liegen auf dem Wasser zu ermöglichen. Die Wellenrichtung sollte also nicht an den Ankerplatz gelangen können. Ebenso, jedoch nicht ganz so wichtig, sollte auch der Wind durch eine möglichst hohe Barriere, einem Berg, Häuserfronten, hoher Wald oder eine Mauer (z. B. eine Hafenmole) das Schiff nicht direkt treffen können. Beim Schwell ist zu bedenken, dass dieser durch den Wind verursacht wird, also auch aus derselben Richtung kommt und lange nach dessen Abklingen noch nachwirkt. Er kann auch von sehr starken Windereignissen stammen, die über 1000 km entfernt stattgefunden haben und daher zum Teil erst Tage später eintreffen. Da die Windkräfte sehr viel geringer sind als die durch das Wasser verursachten Kräfte, hat der Schwell eine sehr viel größere Auswirkung auf einen ruhigen Schlaf an Bord, als der Wind, von dem man u. U. nur ein Singen in den Wanten hört. Sehr große Bewegungen des Schiffs können insbesondere dann auftreten wenn es quer zu den Wellen steht und, wenn man Pech hat und die Eigenfrequenz des Rollens liegt nahe der Frequenz, mit denen die Wellen auf das Boot treffen. Das kann dann unter Deck sehr leicht zu Übelkeit und zu Problemen bei jeder Bewegung führen. Ich habe mich mittlerweile daran ganz gut gewöhnt. Die Entscheidung für den richtigen Ankerplatz ist also eine Wissenschaft für sich und es gehört eine Menge Erfahrung und auch Glück dazu, dass diese Parameter so zusammenpassen, dass man entspannt in seiner Koje liegen und sich vom leichten Schaukeln in den Schlaf wiegen lassen kann.

Morgen erwarte ich einen großen Tag, denn die letzte Etappe im Mittelmeer wird in Gibraltar beendet. Die Strecke geht zwar etwas mehr in nordwestliche Richtung als heute, aber der Wind weiß das auch und wird morgen nach der Wetterprognose aus Nordwest, also wieder von vorne kommen. Ist das noch Zufall, oder will mich die Natur ärgern? Egal, ich gebe dem Dasein eine neue Chance für die kommende Zeit auf dem Atlantischen Ozean. Dieser exponierte Ort in der Südwestecke unseres Kontinents hat irgendwie für mein Vorhaben eine besondere Bedeutung, denn ab hier wird es nur noch ein wenig, die Algarve entlang, nach Westen, ansonsten nur noch nach Norden und Osten bis nach Hamburg, meinem Ziel gehen.

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