6.9.2019 Intermezzo in Finkenwerder und Glückstadt sowie der Start zur neuen Langfahrt

Nach meiner Rückkehr von dem einigermaßen missglückten Ostseetörn, einer Liegezeit in Finkenwerder mit viel Arbeit am Schiff, dem Kennenlernen von vielen interessanten und lieben Menschen sowie meiner ersten Teilnahme an einer Segelregatta bin ich nun zu meiner nächsten Fahrt aufgebrochen und schreibe diese Zeilen aus der bereits von meiner Wiederankunft in Deutschland bekannten Marina in Cuxhaven.

Ich möchte im Folgenden ein wenig über meinen letzten Aufenthalt in Hamburg und Glückstadt berichten.

Es war eine wirklich schöne und schaffensreiche Zeit und es war wirklich ein großes Glück, dass ich Holly mit seiner OVNI 360, dem Vorläufers meines Schiffs, in Finkenwerder begegnet bin. Mit diesem sehr erfahrener Segler konnte ich mich über die speziellen Problempunkte der in vielen Punkten gleichartigen Schiffe, insbesondere der Ruderhydraulik, austauschen und erhielt von ihm dazu und auch zu vielen Ausrüstungsfragen zahlreiche gute Ratschläge. Er vermittelte mir auch den Zugang zu den Anlagen seines Segelvereins, einer Slipanlage, um ein Schiff ohne einen Kran an Land  zu bringen, einen Schlepptraktor mit einem zugelassenen Fahrer und stellte seinen Schiffstransportanhänger zur Verfügung. Zusammen verbrachten wir einen Tag mit der Fehlersuche in der Hydraulik und zerlegten und prüften dazu sämtliche Komponenten. Am Ende dieser Recherche stand der klare Befund, dass der Hydraulikzylinder undicht sein musste. Eine Messung mit Pressluft bestätigte dieses. Diesen Zylinder hatte ich bereits in Berlin vorsichtshalber als Neuteil eingebaut, wobei damals eigentlich nur die Druckschläuche Ursache für die Probleme waren. Ich legte in weiser Vorausahnung den alten Zylinder in meine Backskiste. Jetzt kam er wieder zum Einsatz. Mit Erfolg. Den undichten Zylinder reparierte mir ein paar Tage später ein sehr freundlicher Handwerker in einer Hydraulikwerkstatt auf der anderen Hafenseite ohne Verzug in weniger als 10 Minuten. Nun habe ich wieder die gewollte Teileredundanz.

Im Abendlicht wurde die Odd@Sea über die Slipbahn ins Trockene gezogen. Ich stehe bei dieser langsamen Fahrt an Bord und schaue von oben auf den Hafen
Über die Straße geht es auf das Gelände des Seglervereins. Wer sagt, dass ein Schiff nicht fahren kann?
Am nächsten Morgen, ich hatte die Nacht an Bord verbracht, hatte ich einen guten Zugang zu Ruder und Schraube und konnte über die mit einer kleinen Stehleiter verlängerte Badeleiter gut in mein Zuhause gelangen
Nach erfolgreich getaner Arbeit wartet die Odd@Sea an Land auf ein Wiedersehen mit dem Wasser

Zuvor hatte ich in Eigeninitiative versucht, die Odd@Sea auf einem direkt bei meinem Liegeplatz befindlichen Trockfallplatz aus dem Wasser zu nehmen, um das Ruder und die Hydraulikanlage zu begutachten und gegebenenfalls auch die bereits stark verbrauchte Zinkanode an der Schraube zu ersetzen. Dabei handelt es sich um eine leicht über dem Ebbniveau liegende, durch stabile Holzbalken definierte Ebene, die von vier hohen Dalben eingegrenzt ist. Bei Flut kann man sein Schiff zwischen die Dalben fahren und dort festmachen. Sinkt nun der Wasserstand bei Ebbe, dann wird ein Kielschiff auf seinem Kiel aufsetzen und durch die Leinen und die Dalben am Umkippen gehindert. Bei meinem Schiff nehme ich das Schwert und das Ruder hoch, so dass es sich bäuchlings auf die Ebene legt. Ein Festmachen ist hier nicht erforderlich. Genau das habe ich gemacht und konnte so die Verkleidung der Hydrauik mit viel Mühe beidseitig, mehr oder weniger im Schlick am Boden kauernd, entfernen. Einen Grund für das Hydraulikproblem war wegen des zu flachen Zugangs letztlich nicht zu finden. Auch an die Schraube konnte ich wegen der fehlenden Höhenfreiheit nicht kommen. Das ganze war ein Fehlschuß von Feinsten, zumal ich nach die Feststellung des Fehlschlags wieder einige Stunden auf die Flut warten mußte, um den tristen, nassen und schlickigen Platz wieder zu verlassen. Womit ich nicht gerechnet hatte, war die starke Strömung in Richtung des Hafenausgang und somit auch zu Brücke zu den Steganlagen. Hier habe ich mir dann auch ein wenig den Halter für die Solarelemente am Heck verbogen. Muskelkraft reichte zur Vermeidung dieser eher sanften Kollision jedenfalls nicht, da eine Querströmung unerbittlich ist. Mit Hilfe der freundlichen Hände von Nick, den ich bereits im Hamburger City-Sporthafen kennen gelernt hatte, sowie einem Unbekannten (ich danke beiden ausdrücklich) konnte das Schiff dann doch an seinen nur wenige Meter entfernten Liegeplatz gebracht werden. Derartige erfolglose Abenteuer lasse ich zukünftig weg.

Die Odd@Sea auf dem Trockenfallplatz bei Ebbe. Im Hintergrund der Slip, den ich später mit mehr Erfolg genutzt hatte.
Hier ist das nach oben geklappte Ruder und davor die Schraube zu sehen. Die Badeleiter wurde für den Ausstieg genutzt
Die fast vollständig zerfressene Opferanode an der Schraube und der Schlick …

Ebenso nahm ich Hollys Empfehlung auf und brachte meine im Rhein beschädigte Schiffsschraube bei einem viertägigen Zwischenstopp zu einem Schiffsschraubenhersteller in Glückstadt. Zwei unglaublich versierte und überaus nette Handwerker brauchten meine Schraube in meinem Beisein mit Zange, Brenner, Hammer und viel Materialgefühl wieder in ihre Originalform. Die Vermessung ergab, dass die Blätter präzise fluchten. Es dauerte zwei Tage, bis ich die Schraube wieder abholen konnte, dann waren auch die Ausbrechungen zugeschweißt und die Oberfläche geschliffen. Erstaunt war ich aber letztlich auch über den äußerst günstigen Preis, den ich für diese hervorragende Arbeit bezahlen sollte, habe ich doch damit nun ein vollwertiges Ersatzteil.

Last but noch least konnte auch der Vorschlag von Holly erfolgreich umgesetzt werden, denn er befand, dass mein Mast keinen ausreichenden „Fall“ hat. Er ist nicht weit genug nach hinten geneigt. Die Umsetzung dieser Empfehlung führte letztlich dazu, dass sich das Schiff sehr viel besser trimmen lässt. Das abenteuerliche Steuerungsverhalten, welches mir so viel Ärger gemacht hatte, scheint damit ein Ende gefunden zu haben. Danke, Holly.

Ich kann mich kaum erinnern, was ich noch an anderen Dingen in dieser Zeit erledigt habe. Drei Dinge fallen mir spontan noch ein. So habe ich mir eine Einrichtung zum einhändigen Erklimmen des Mastes bei einem Outdoor-Spezialisten besorgt, welches eigentlich zum Erklettern von Bergen, Höhlen und Industriebauten gedacht ist. Er war sehr erstaunt über mein Anliegen und warnte mich vor der körperlichen Anstrengung beim Umgang mit diesen Geräten. Ich fertigte mir noch zwei Fußschlingen aus Leinen nach Seglermanier und bereits der erste Versuch zum Erklimmen einiger Höhenmeter am Mast waren erfolgreich und auch gar nicht so anstrengend, wenn man sich Zeit lässt. So bin ich jetzt auch in dieser Hinsicht autark.

Endlich gelang auch eine Reparatur eines meiner Glasluken in der hinteren Koje, die eine im Sturm schlingernde Genuaschot von außen geöffnet hatte, ohne den Verriegelungshebel von innen zu entriegeln. Sprich, der Riegel wurde von der Glasscheibe abgerissen. Mehrere Versuche zur dauerhaften Verklebung beider Komponenten mit mehreren Klebern schlugen fehl, da die Schot immer wieder ihren Weg fand, mich zu ärgern. Letztlich habe ich einen speziellen, nur in Ultraviolettlicht aushärtenden Kleber gefunden, der materiell geeignet ist. Dazu musste aber eine UV-Lichtquelle beschafft werden, was einigermaßen aufwändig war und mich quer durch Hamburg getrieben hatte. Letztlich war die Anstrengung jedoch ein voller Erfolg.

Neben den zahlreichen Besuchen von Freunden bei mir an Bord und den abendlichen Kneipenbesuchen mit Peter sowie der von mir in Hamburg-City zum Zwecke der Materialbeschaffung gemachten intensiven, z. T. tagesfüllenden Touren mit dem ÖPNV und der Elbfähren war aber mein Ersteinsatz bei einer richtigen Yardstick-Regatta am vorletzten Tag ein besonderer Höhepunkt meiner Zeit in Hamburg. Auch hier war Holly der Arrangeur, denn ein Vorschoter der Crew seines Skippers musste seine Teilnahme kurzfristig absagen und es bestand Bedarf für seinen Ersatz. Zunächst war ich wegen meiner vollständigen Erfahrungslosigkeit auf diesem Gebiet zurückhaltend, entschied mich jedoch später doch für die Variante „man kann nur dazulernen“ und den aufmunternden Worten vom Skipper und seinem Vorschoter für meinen Einsatz. Das Regattaboot hat fast unübersichtlich viele Trimmeinrichtungen, deren richtiger Einsatz zum Rennerfolg führt. Gefahren wurde von Finkenwerder aus Elbabwärts mit achterlichem Wind bei abnehmendem Ebbstrom unter Spinnacker bis etwa Stade, wo eine Tonne umfahren wurde. Zurück musste bei langsam zunehmender Flut gegen den Wind gekreuzt werden. Es war wohl doch keine schlechte Entscheidung, dass ein zweiter Vorschoter mitfuhr, denn wir belegten am Ende den zweiten Platz, wobei wir sogar als erste der Klasse sowohl über die Start- als auch die Ziellinie fuhren. Wir hatten keinen einzigen erkennbaren taktischen und fahrerischen Fehler gemacht und insbesondere bei den vielen Wenden klappte alles wie am Schnürchen. Es stellte sich später nach der Auswertung heraus, dass uns ein kleineres Boot wegen seines günstigeren Faktors rechnerisch um sieben Sekunden geschlagen hatte. Egal, bei 35 Booten unterschiedlichster Größe war es nicht nur ein großer Erfolg für den Skipper und seinen Vorschoter, sondern insbesondere auch für mich, der ich noch nie beim Segeln so viel in so kurzer Zeit dazu gelernt hat. Das abendliche Fest in der Vereinshalle krönte danach noch diesen besonderen Tag.

Beseelt durch die neuen Erkenntnisse im Segeln, fuhr ich dann auch mit der Odd@Sea am übernächsten Tag früh am Morgen mit einsetzendem Ebbstrom elbabwärts nach Glückstadt gegen den Wind kreuzend. Ich hatte mir bisher die vermuteten körperlichen Anstrengungen als größer vorgestellt und war daher glücklich, dass ich aufgrund der gemachten neuen Erfahrungen mein Dogma „Kreuzen gegen den Wind ist für einen Einhandsegler nicht zielführend“ aufgeben konnte. Es war wirklich wie eine kleine Offenbarung, wobei sicherlich auch die Korrektur des Mastfalls eine Rolle gespielt hat.

Die Fahrt nach Cuxhaven erinnerte mich wieder an meine erste Reise. Neuerdings geübt im Kreuzen, fuhr ich von Glückstadt Richtung Nordsee bei Ebbstrom und Wind von querab mit dem Kuttersegel und einem Reff im Großsegel. Das ging gut so bis mich bei Brunsbüttel wieder die alte Erfahrung ereilte: Wind zwischen 25 und 28 Knoten von vorne. Die OVNI ist keine Rennziege, hoch am Wind mag sie nicht. Da ich den Tag nicht vollständig auf der Elbe gegen den Strom fahren wollte, nahm ich die Segel runter und fuhr, wie früher so oft, unter Motor weiter. Abgeschaltet habe ich ihn dann kurz vor dem Ziel, da der Wind etwas abflaute. So kam dann letztlich doch noch so etwas wie Vergnügen auf.

Morgen wird es etwas ruhiger und ich werde versuchen, wieder bis nach Vlieland in Holland zu kommen, von wo ich bereits den letzten Schlag nach Cuxhaven im letzten Jahr gemacht habe. Das wird mich mindestens einen Tag und  eine Nacht beschäftigen.

Mal schauen, was mich erwartet.

Ein Gedanke zu „6.9.2019 Intermezzo in Finkenwerder und Glückstadt sowie der Start zur neuen Langfahrt“

  1. Hallo Jürgen,
    Glück auf zur neuen Fahrt!
    Ich dachte mir, schaust doch mal nach was Jürgen macht – und siehe da: Er ist wieder unterwegs!
    Wir stehen mit unserem Oigen jetzt auf unserem letzten Campground in Halifax und sind dabei, alles verschiffungsfertig zu machen: Wertsachen aus- oder abbauen, verstauen aller wichtigen Dinge in der Garage usw. usw.
    Am Montag geben wir unser Zuhause der letzten 6 Monate im Hafen ab und fliegen am gleichen Tag ab nach Frankfurt. Dann ist dieses schöne Abenteuer leider schon vorbei. Aber es werden sicherlich noch viele weitere folgen!
    Dir alles Gute, und immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel!
    Konni und Jutta

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