9.4.2021 Mein erster Schritt zur Rückfahrt nach Deutschland ist getan

Wahrscheinlich ist es den noch übrig gebliebenen Lesern meines Blogs aufgefallen, dass es sehr lange keine Beiträge mehr von mir gab. Nun steht da in der Überschrift, dass ich wieder unterwegs bin mit der Odd@Sea. In der Tat kommt dieser Beitrag nicht aus Torrevieja, sondern aus Cartagena, dem ersten Zielhafen auf dem Weg zurück nach Hamburg. Das bedarf sicher einiger Erklärung. Eigentlich wollte ich über die Kanaren eine Weltumseglung beginnen und machte mich von Hamburg aus auf den Weg. In Frankreich, genauer gesagt in Les Sables D`Olonne musste ich in Karantäne, denn es hatte sich die Corona-Pandemie bereits ausgebreitet. Das bedeutete für mich damals zunächst abwarten. Ich hatte ja einiges zu tun am Schiff mit der Hilfe der dort ansässigen Werft. Das wird schon wieder vergehen, war meine Hoffnung. Wie wir später sehen konnten, tat das Schicksal uns aber diesen Gefallen nicht. Zunächstwollte ich mich ganz gemütlich auf den Weg Richtung Kanaren machen. Später kamen immer mehr Berichte über die Pandemielage in einzelnen Gebieten Europas auf, wobei sicheinige Schwerpunkte zeigten. Madrid war z.B. ein solcher. In dieser Zeit sprach mich Jörg an, der vorschlug, dass wir uns gemeinsam an einen Ort an der Costa Blanca begeben sollten, da dort die Inzidenzen sehr niedrig, später sogar einstellig waren. Das war zunächst eine passende Lösung sowohl zum Zeit totzuschlagen und zugleich unserem gemeinsamen Hobby nachzugehen. Wie ich zu dieser Zeit im Blog berichtete, machten Jörg und ich mit der Odd@Sea einen wunderbaren Törn zusammen nach Torrevieja. Das war Anfang Herbst letzten Jahres. Jörg flog wieder nach Hause, ich wartete die Zeit an der Costa Blanca ab. Nach etwa zwei Monaten ging es mir in der Fremde nicht mehr sehr gut. Der Grund war die absolute Einsamkeit an diesem ansonsten wunderschönen Ort. Ich spreche kein Spanisch, außer dem Hafenmeister kaum irgendjemand Englisch, geschweige denn Deutsch. Wegen der Pandemie gab es auch keine Touristen und damit auch keine deutschen. Ich hätte nie gedacht, was so etwas mit einem macht. Mir ging es immer schlechter, da mein Gedächtnis immer schwächer wurde. Irgendwie schwanden meine Lebenskräfte. Ich war ständig unter Deck, hörte ständig Rockantenne Hamburg über den Webstream, abends sah ich auf diesem Weg die Tagesschau und ein paar Filme aus der Mediathek und ging alle vier Tage zum Supermarkt. Ansonsten ernährte ich mich noch. Aber das war es dann bis Mitte September. Es war sehr schön, dass mir meine Hamburger Familie das Angebot machte, einige Zeit bei ihnen zu verbringen. Damals konnte ich sehr einfach einen der sehr wenig nachgefragten Sitze der Ryanair von Alicante nach Hamburg und zurück für sehr wenig Geld buchen. Es wurde eine sehr schöne und aufbauende Zeit für mich bei meinen Lieben, in der sich anfänglich dann bei mir beeindruckend starke Amnesien zeigten. Eine mehr als einwöchige komplette Klinikuntersuchung ergab dann aber Gott sei Dank, dass ich körperlich in guter Verfassung bin und die Ursache meiner kognitiven Probleme eher in meiner zu einseitigen Ernährung lagen. Am 7. Oktober ging es dann mit einem guten Gefühl wieder zurück auf mein Schiff. Die dadurch genossene persönliche Stärkung trug dann über den Jahreswechsel bis etwa zu meinem Geburtstag Anfang April. Mein Leben war aber immer noch so, wie vor meiner Reise nach Hamburg. Es reifte also der Gedanke, dass ich wieder auf Fahrt gehen sollte. Gedacht, getan. Nun habe ich das erste Stück meines Törns hinter mir und freue mich auf die kommenden Strecken. Wohin sollen diese mich führen? Zurück nach Hamburg!

Zum gestrigen Törn: Das Datum ergab sich aus der Tatsache, dass meine Monatsmiete im Hafen an diesem Tag auslief. Es dauerte eine Weile, bis ich das Schiff wieder klar zum Ablegen hatte. Mit der beratenden Unterstützung von Jörg (ich danke Dir dafür), habe ich nur mit sehr viel Kraft und Anstrengung die Persenning meiner Genua abziehen können. Man muß dabei ein wenig tricksen nach so einer langen Standzeit. Der Motor sprang an, als wäre er gerade neu und überhaupt gab es auch sonst kaum Befunde, die noch zu behebengewesen wären. Der Wetterbericht sagte gute achterliche Winde mit 10 bis max. 15 Knoten in Böen und eine schwache Welle von 60 bis 70 cm voraus. Als ich denn den geschützten Bereich des Hafens verließ, konnte ich von den angesagten schwachen Wellen nichts sehen, sondern mußte zur Kenntnis nehmen, dass mich ein höchst unangenehmer Ritt über steile, teilweise mehrere Meter hohe und dabei recht kurze Wellen erwarteten. Von irgendwelchen Bewegungen an Bord konnte keine Rede sein, denn es ging zu wie im Schleudergang. So ließ mein erstes Erbrechen in diesem Jahr auch nicht lange auf sich warten. Jeder Schritt an Bord war so eine Tortur und es sah nach kürzester Zeit unglaublich wild im Cockpit aus. Irgendwann kam nichts mehr von innen, aber auch insgesamt körperlich von mir. Aber es sollte noch viel schlimmer kommen!

Ab dann wurde es zu einem Höllenritt, der erst dann noch an Schärfe gewann, als ich an einem Kap einen leichten Kurswechsel vornehmen musste. Bei bis dahin raumen Wind musste ich beide Segel bewegen. Zunächst die Genua einrollen, um diese dann auf der anderen Seite des Kutterstags wieder auszurollen. Danach das Großsegel fieren, wobei ich feststellen musste, dass mein Backstag sich auch unter Anwendung aller meiner verfügbaren Kräfte nicht lösen ließ und so das Großsegel nicht weit genug aufgemacht werden konnte. Wegen der fehlenden Genua war nun das Schiff so schlecht getrimmt, dass der Autopilot keine Chance hatte, die Fahrtrichtung zu halten. Das bedeutete, dass ich die kommenden Stunden bis zur Ankunft am Ziel das Schiff per Hand und nur mit dem Großsegel fahren muß. Jeder weitere Versuch, die Havarie des Backstags zu bereinigen oder die Genua auszufahren schlug so natürlich fehl und ich ergab mich meinem Schicksal. Bei der Einfahrt in die Bucht von Cartagena kam der Wind dann von voll achtern, also bei schwach ausgestelltem Großsegel über dessen Hinterkante. Also mußte ich auch diesen Zustand akzeptieren, weiterhin per Hand steuern und gelegentlich schlug das Segel, welches ich vorsichtshalber mit einem Bullenstander gesichert hatte, mehrmals auf die andere Seite über. Dann half nur noch die Kraft des Motors, um das Schiff wieder auf Kurs zu bekommen. An dieser Stelle möchte ich einfach mal sagen: Aus einer kleinen Ursache kann stets auch eine große Wirkung kommen. Gott sei Dank nahm der Wind in der Bucht zunehmend ab, sodass ich diesen schrecklichen Törn ohne Schaden für mich und das Schiff an der Pier vom Hafen zu einem guten Ende bringen konnte. Hier konnte ich erstmalig die typisch spanische Festmachertechnik längsseits eines Stegs oder einer Pier praktizieren: Mit Hilfe zweier Moorings auf der stegabgewandten Seite an Bug und Heck wird das Schiff in ca. 1 Meter Abstand von Land festgemacht mit den üblichen Festmachern nach vorne und hinten. Man lernt nie aus!

Was zeigt sich noch an Handlungsbedarf nach diesem ersten Törn? Die Klemmen der Backstage habe ich wieder richten können, sodass diese nun auch wieder unter Belastung aufgemacht werden können. Die Logge und das Sonar funktionierten gar nicht. Also Kleinigkeiten. Was mich bei aller Anstrengung bei diesem ersten Törn aber wieder aufmunterte, war die Tatsache, dass das vor mir in der Bucht von Cartagena parkende U-Boot der spanischen Marine so lange seinen Standort behielt, bis ich neben ihm war. Danach begleitete es mich fast bis kurz vor meinen späteren Liegeplatz. Das ist doch einmal was Besonderes, oder?

So, nun beginnt die Fahrtenplanungsroutine wieder. Zunächst die Frage nach den nächsten Fahrtzielen. Ich habe jetzt im Prinzip die gleiche Route geplant, auf der ich hierher gekommen bin. Ich würde dabei allerdings, wo möglich, Häfen anlaufen wollen, die ich bisher noch nicht besucht habe. Sollte jemand vergnügungssüchtig sein, dann ist er oder sie stets herzlich eingeladen, mich ein Stück des Weges an Bord zu begleiten.

So, das soll der Anfang eines wieder kontinuierlicher erscheinenden Blogbeitrags gewesen sein. Über Fragen, Anregungen und sonstige Rückmeldungen bin ich sehr dankbar.

P.S.: Ich bin noch nicht so richtig auf die Routine des Blog-Schreibens eingestellt und bitte um Verständnis dafür, dass ich noch kein umfangreiches aktuelles Bildmaterial zur Verfügung habe. Also kommen abschließend nur ein paar nautiklastige Bilder.

Die Odd@Sea endlich wieder auf Tour. In spanischer Weise festgemacht im Hafen von Cartagena. Im Hintergrund ein futuristisch aussehender Riesenkreuzer.

In einer anderen Blickrichtung steht ein großer Seenotrettungskreuzer. In dieser Größe und so schön rot angemalt, Hut ab.

Ein Gedanke zu „9.4.2021 Mein erster Schritt zur Rückfahrt nach Deutschland ist getan“

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